Dienstag, 22. Dezember 2015

Meine neue Superkraft

Freude ist gar kein Ausdruck! Drei Ereignisse, die mir derzeit ein Dauergrinsen ins Gesicht zaubern...

Nummer 1:
Meine Reha wurde bewilligt. Ich habe das große Glück in meine Wunschklinik "Katharinenhöhe" (Schönwald) fahren zu dürfen!! Am 1.Februar 2016 soll es losgehen. Endlich habe ich eine Perspektive und kann einen fetten Haken dahinter machen :)

Die zweite tolle Nachricht:
Am Wochenende hatte ich die Gelegenheit ein Schaf zu streicheln!!! :) Es war mein persönliches Advents-Highlight in diesem Jahr.

Es ist schon verrückt wie ich in der Lage bin mich über solch banale Dinge so unheimlich zu freuen. Wahrscheinlich erfülle ich dieses typische Krebs-Klischee, die Kleinigkeiten des Lebens nach der Erkrankung mehr schätzen zu können. Ich hätte nicht gedacht, dass ich auch irgendwann einmal eine solche Superkraft besitzen würde. Da musste ich scheinbar erst krank werden, um die Wunder dieser Welt wahrnehmen zu können.

Hier ist das plüschige Schnuckelchen, das mein Herz zum Schmelzen brachte:

 















Meinen dritten Glücksmoment 
habe ich meiner Freundin Moni zu verdanken ( Im Oktober schrieb ich bereits über sie in diesem Post: Meine Zwillingsschwester). 
Sie überraschte mich mit einem Paket und wie immer hatte sie alles mit Bedacht für mich ausgewählt :) 


Ich erwähnte ihr gegenüber neulich, dass ich seit langer Zeit nachts regelmäßig aus dem Schlaf hochschrecke, weil ich unter furchtbaren Albträumen leide und deshalb seit neustem ein Nachtlicht in meinem Zimmer leuchtet, welches mich beruhigen soll, wenn mich die nächtlichen Horrorbilder quälen. Ich meinte (ironisch), nun würde mir bloß noch ein Kuscheltier fehlen...

Und heute halte ich mein Kuschelschaf in den Händen :)



Folgende Zeilen schrieb mir Moni dazu in dieser Karte...


"..... Jetzt fehlt dir kein Kuscheltier mehr zu deinem Nachtlicht. Und natürlich ist es ein Schaf. Aber viel passender fand ich die Steh-auf-Funktion....egal wie oft, egal wie doll, wenn das Leben dich schubst, stehst du wieder auf! So sei es auch weiterhin! ...."

Bei so viel Freude im voraus - weshalb sollte ich dann überhaupt noch Weihnachten feiern? Meine Antwort darauf- um dieses Fest als Chance zu nutzen, die Freude an andere weitergeben zu können.


Ich wünsche mir für euch, dass ihr auch jede Menge Wunder erleben dürft! <3 Haltet die Augen und Herzen offen! :) Eine wundervolle Weihnachtszeit wünscht euch, Jule :-* 





Freitag, 4. Dezember 2015

Befundauswertung

Hallo ihr Lieben :)

Gestern war ich in der Radiologie zum Röntgen meiner Knochen (LWS,Becken,Oberschenkel). Es dauerte diesmal nicht lange und ich wurde gleich aufgerufen. Ich war ein bisschen aufgeregt, denn in den unteren Regionen wurde ich bisher nicht geröntgt..und mit den Abläufen war ich auch noch nicht so vertraut. Sonst war immer nur mein Brustkorb von Interesse, weil sich Mr. Hodgkin dort ja eingenistet hatte.
Das Beste überhaupt-ich durfte meine Schlüppi anlassen :))) Da fühlt man sich doch gleich viel wohler :)
Erst wurden Aufnahmen im Stehen gemacht und anschließend musste ich mich auf einer Liege in verschiedenen Stellungen positionieren. Die Röntgenassistentin musste meine Beinstellung immer wieder korrigieren, weil es irgendwie nicht so biegbar war...etwas widerspenstig sogar...das ungezähmte Bein eben. Das war schon fast Yoga, was da von mir abverlangt wurde. Ich kenne bisher nur "Das Schaf"...das ist die Stellung, wobei man mit dem Rücken und ausgestreckten Gliedmaßen auf einer Liege liegt und still hält bis alle fertig sind. Aber diese Röntgen-Yogis waren sehr streng und schafften es schlussendlich auch sich alles nach ihren Vorstellungen zurechtzubiegen.

Am Nachmittag stand mir dann noch die Befundauswertung bevor. Leider waren die Ergebnisse noch nicht da, jedoch sprachen wir zunächst über mein Blutbild. Dort ist alles spitzenmäßig :) Zumindest auf mein Blut ist Verlass! Meine Krankenschwester meldete sich dann wenig später bei mir zu Hause und gab mir bescheid, dass die Ergebnisse eingetroffen sind und kein Hinweis auf eine Knochenerkrankung bestehen würde!!
O.B. - ohne Befund :)))


Ich soll jetzt bedarfsweise Schmerzmedis nehmen. Gestern Abend war es wieder ganz schön heftig, aber die Ibuprofen schlug dann auch schnell an. Vielleicht lag es aber auch am Glühwein. Auf jeden Fall bin ich erstmal riiiiiiiiesig erleichtert!!! Ich werde nun erstmal mit dem Joggen aufhören. Es braucht eben alles seine Zeit...

Aber vielleicht bekomme ich ja neue Knochen zu Weihnachten?! :)  Ein neues Knochen-Set anstelle von Zuckerstangen und Marzipan.

Ich wünsche euch allen ein schönes 2.Adventswochenende :)





Mittwoch, 2. Dezember 2015

Der Feind im Schafspelz

Es war einmal ein Mann, namens Mr.Hodgkin. Er schlich sich in mein Leben wie ein Wolf, verkleidet im Schafspelz, der sich in eine ahnungslose Schafsherde schmuggelt. Mit scheinbar harmlosen Symptomen wie Fieber, Nachtschweiß und Schwäche, machte er sich bemerkbar und vermehrte sich still und heimlich in meinem Körper, sodass ich über Monate hinweg in dem Glauben lebte, dass mich stressbedingte Erkältungssymptome plagen würden.
Eines Tages gesellte sich ein Hüsterchen hinzu. Aus dem Hüsterchen entwickelte sich wenig später ein starker Hustenreiz und daraus wiederum ein quälendes Bellen. Daraufhin nahm man den Eindringling im Tarnanzug genauer unter die Lupe. Mit seiner Husterei hatte er ziemliche Unruhe gestiftet. Da ich, als schwarzes Schäflein, einen besonders guten Riecher habe, wenn es darum geht, Eindringlinge aufzuspüren, lockte ich den Verdächtigen zu einem Spezialisten, der wiederum einen anderen Spezialisten kannte, der mehrere Hightech-Enttarnungsapperate besaß. Es dauerte nicht lange, da hatte man ihn entlarvt, den Dreckskerl im Schafspelz- Mr. Hodgkin.

So in etwa lief es damals ab...


Leider habe ich den Riecher für Eindringlinge im Schafspelz verloren. Ich habe sowas wie eine Überempfindlichkeit entwickelt und verdächtige seither alles und jeden, der eine Ähnlichkeit der Symptome von Mr. Hodgkin aufzeigt. Das führt dazu, dass ich mich ziemlich unsicher in meiner Schafswolle fühle und lieber auf Nummer sicher gehe, wenn ich eines dieser Mr.Hodgkin- Warnzeichen an mir entdecke.

Ich habe nun seit einer Woche subfebrile Temperaturen immer zur Nachmittagszeit. Heute ging es sogar schon gegen Mittag los und nun liege ich im Bett mit 37,9 Körper-Temperatur und bin erschöpft und habe Knochenschmerzen. Vor einer Woche hatte ich schon einmal so eine Schmerzattacke. Es baute sich ein dumpfer Schmerz in den Oberschenkeln auf und wanderte zum Becken bis hin zur Lendenwirbelsäule. Mir wurde übel und ich musste weinen vor Schmerzen. Eine 600-er Ibuprofen hat nicht geholfen. Ich dachte vielleicht hätte ich mit meinem Training ein wenig übertrieben und halbierte deshalb die Trainingszeit. Ich dachte das wäre des Rätsels Lösung, aber heute setzte der Knochenschmerz wieder ein und das, obwohl ich diese Woche noch nicht einmal joggen war.

Um Google die Arbeit zu ersparen, mir eine Diagnose zu stellen, suchte ich heute meinen Onkologen auf. Mir wurde erstmal Blut abgenommen...inklusive Magnesium-Wert (falls ein Magnesium-Mangel die Krämpfe auslöst) und morgen muss ich dann noch zum Röntgen. Mein Becken soll mal durchleuchtet werden. Vielleicht ist der Auslöser ein Beckenschiefstand oder einer Blockade in der LWS?! Aber woher kommt dann die Temperatur?

Ich habe Angst, muss ich zugeben. Vielleicht liegt der Temperaturerhöhung eine ernstere Ursache zugrunde... Aber ich glaube es eher nicht... Na, ja...ich weiß ja, die Angst kennt jeder, der einmal eine Krebskarriere durchgemacht hat...also versuche ich bis morgen Ruhe zu bewahren und warte erstmal die Ergebnisse ab. :-)

Euer subfebriles Schäflein :-*





Samstag, 28. November 2015

Abwarten und Tee trinken

Krank zu sein, bedeutet in erster Linie auch immer wieder Geduld ausüben zu müssen. Man wartet...

- auf die Diagnose
- auf den Beginn der Chemotherapie
- im Krankenhaus auf die Entlassung
- auf Entlassungsberichte im Krankenhaus
- auf den nächsten Chemo-Zyklus
- auf Laborergebnisse
- auf den einsetzenden Haarverlust
- auf den einsetzenden Haarwuchs
- auf den ersten Friseurtermin
- darauf, dass die Infusion schnell durchläuft
- auf den Fahrdienst vom DRK
- auf das Einsetzen der Nebenwirkungen....Kotzen, Verstopfungen (Ich denke, ich muss hier nicht ins   Detail gehen)
- auf das Ende der Nebenwirkungen
- auf das Ende der Chemotherapie
- auf die Bestrahlung
- auf das Ende der Bestrahlung
- auf die Reha
- auf das Ende der Reha
- auf die erste Nachsorgeuntersuchung
- auf die Auswertung der Befundergebnisse
- auf alle weiteren Nachsorgeuntersuchungen + Befundergebnisse
- auf die vollständige Heilung
...und...hauptsächlich in Wartezimmern :-)

Derzeit warte ich auf eine Rückmeldung der Rentenversicherung bezüglich meines Widerspruchs. Die nächste onkologische Reha ist nämlich sehr bedeutend für mich, da ich gemeinsam mit den Ärzten meine berufliche Perspektive besprechen werde. Allerdings dauert das Prozedere länger als mir lieb ist. Also übe ich mich weiterhin in der Disziplin "Geduld". Aber glaubt mir- es fällt mir wirklich alles andere als leicht. "Abwarten und Tee trinken", klingt entspannter als es tatsächlich ist. Vielleicht probiere ich demnächst mal Glühwein anstelle von Tee?! MÄÄÄH-HICKS!! Na, zum Glück beginnt morgen der Advent (lateinisch: adventus -"Ankunft"). Vielleicht kommt dann mein langersehnter Reha-Bescheid bei mir an und ich darf nach so langer Zeit dann auch endlich einmal ankommen :-)


 Ich wünsche euch auch allen ein wundervolles Ankommen- bei euch selbst, bei euren Lieben und immer sicher.... wieder zu Hause... nach dem Glühweintrinken!

Habt morgen einen schönen 1.Advent :) 




Dienstag, 24. November 2015

Es war einmal vor dem Krebs...

Nun ist beinahe das erste Jahr vergangen an dem ich ohne Mr.Hodgkin lebe. Gestern Abend träumte ich so vor mich hin und ich stellte mir die Frage wie war es vor IHM, vor dem Krebs. Wer war ich da? Was wollte ich vom Leben? Was ist jetzt anders? Was mache ich mit und aus meinem "neuen" Leben? Derzeit lebe ich nur von einer Krebsnachsorge zur anderen und hoffe zwischendrin, dass keine neuen Diagnosen hinzukommen. Was mir ja auch mehr oder weniger ganz gut gelingt. Sollte ich dann nicht einfach glücklich sein, dass ich jetzt krebsfrei bin? Dankbar für dieses Geschenk? Ich gebe zu- die Theorie ist auch in diesem Falle einfacher als die Praxis.Wie macht man das denn genau mit der Dankbarkeit? Gibt es dafür ein Handbuch? Und wie erkläre ich das meinen Zellen, die noch immer mit der Regeneration beschäftigt sind? Ich befinde mich in einem Konflikt zwischen mir und meiner Umwelt, die diverse Erwartungen an mich heran trägt und denen ich größtenteils nicht gerecht werde. Ich habe Probleme mich einzuordnen. Derzeit vereine ich alle Widersprüche. Einerseits bin ich jung und habe Erfahrungen gesammelt, die manche nicht in 99Jahren sammeln (Gott sei Dank-ich wünsche es keinem), ergo-ich besitze auf einer Seite enorme Stärke, fühle mich allerdings auf der anderen Seite wie ein zerbrechliches Pflänzchen. Jede Überanstrengung wirft mich wieder zu Boden und ich benötige enorme Kraft um mich dann wieder aufzurichten.
 Auf die Frage wie es mir geht,weiß ich momentan auch nicht wirklich zu antworten. Ist auch eigentlich nichts Schlimmes, aber ich würde gerne mal wieder sagen, dass es mir gut geht und dass es dann auch wirklich so ist.
Manchmal glaube ich, dass ich mich in diesem schwarzen Dunst verliere und dieser Nebel einfach die Jule verschwinden lässt, die sie mal vor dem Mr.Hodgkin-Befall war, aber dann wird mir wieder klar, sobald ein Lichtstrahl es geschafft hat durch die Dunkelheit zu dringen- die alte Jule gibt es noch, aber die muss manchmal so stark sein, dass es mir nicht leicht fällt zu glauben, dass ICH selbst diejenige bin, die es immer wieder schafft den Lichtstrahl einzufangen. Dass ich noch die Jule bin, die es vor dem Krebs schon gab, nur ohne Masken, die bisher den Anschein erweckten, dass"immer alles gut" ist. Das macht mich verletzbarer, aber das bin ICH nun mal- mit Ecken und Kanten.







Samstag, 14. November 2015

Ich wünsche mir eine Welt

....die nicht durch eine schwarz-weiße Brille betrachtet wird
....die man schätzt aufgrund ihrer Vielfalt
....die erst durch die Ecken und Kanten ihrer Bewohner zu einer runden 
    Sache wird
....die sich dreht, aber nicht im Tempo der heutigen Zeit
....die von einem Kollektiv gestaltet wird, anstelle von Gegnern
....auf der die Religionen sich achten, anstatt sich zu bekriegen
....auf der ein Menschenleben unbezahlbar bleibt
....auf der man arbeitet um zu leben und nicht lebt um zu arbeiten
....auf der ich tanzen darf ohne vorher zu trinken 
....auf der die Starken die Schwachen stützen.

Ich wünsche mir eine Welt, auf der die Liebe über allem steht.

#prayforparis



Samstag, 7. November 2015

Die Wolle beim Schaf lassen

Ich beantragte vor einigen Wochen eine zweite onkologische Reha. Auf die Wunschliste setzte ich die Katharinenhöhe im Schwarzwald, eine Klinik für Kinder, Jugendliche & junge Erwachsene mit Krebs. Mir war es diesmal seeeeeeeeehr wichtig mit Leuten meiner Altersgruppe zu rehabilitieren :) Ich fühle mich schon oft genug wie ein Rentner, da muss ich ja nicht auch noch das Gefühl vermittelt bekommen, leistungsmäßig auf der selben Stufe wie Oma Gerda zu stehen. Außerdem fehlte mir dann der Austausch mit Gleichaltrigen, die ähnliche Lebensumstände haben wie ich. Da sind Fragen wie: ,,Ich bin erst 22 und muss noch ein paar Jährchen arbeiten. Ich fühle mich aber so als hätte ich schon 50 Jahre geschuftet. Wie kommt ihr damit klar?" oder ,,Seid ihr noch fruchtbar oder hat die Chemo bei euch alles abgetötet?".

Voller Erwartungen öffnete ich heute den Briefumschlag mit dem Absender "Deutsche Rentenversicherung"..... Aaaand Julä goes to the fucking....Bad Homburg!! Ich dachte zunächst - mh, Bad Homburg ist nicht die Katharinenhöhe, aber vielleicht eine ähnliche Einrichtung. Also befragte ich Google, aber Google bestätigte mir meine schlimmsten Befürchtungen. Auf der Kopfzeile der Homepage wurde ein mit Fotoshop bearbeiteter Neubaublock eingeblendet. Danach folgte eine Auflistung der Diagnosen, die im Klinikum behandelt werden...angefangen beim Brustkrebs über Leukämien bis hin zu Lymphomen, sowie psychosomatischen Erkrankungen. Ich fragte mich nicht bloß wo genau sich Bad Homburg auf dem Atlas befindet, sondern scheiterte auch daran die innere Ruhe zu bewahren, während ich mir das Therapieangebot zu Gemüte führte:

Physikalische Therapie, Rückenschule, Hallen-Bewegungsbad, Ergometrie, Krankengymnastik, Einzelbehandlung, Extension, (!!!)Elektrostimmul. Verfahren bei Inkontinenz(!!!), Chemotherapie, Stoma- Therapie, Ergotherapie, Kunsttherapie, Diabetiker-Schulung, Gesundheitstraining, Lymphdrainage, Psychologische Diagnostik und Therapie (Entspannungsverfahren), Ernährungsberatung, Lehrküche, Reha-Beratung

Und der Knüller kommt noch. In der Klinikbewertung machte eine Patientin darauf aufmerksam, dass einem dort nicht einmal WLAN zur Verfügung steht!
Die sollen mal die Wolle beim Schaf lassen und überlegen wo da die Sinnhaftigkeit dahinter steckt. Ich soll wieder arbeitsfähig werden und da schlagen die mir ein 0815-Angebot vor. Nicht mit mir! Ich lege Widerspruch ein!





Montag, 26. Oktober 2015

Nachsorge

Huhu ihr Lieben :)

Nachsorge. Man wird nach der Therapie versorgt..aller drei Monate findet eine Untersuchung statt und jedes Mal sorgt man sich und hofft nicht nur, dass der Krebs nicht wiederkommt, sondern bangt auch darum, dass keine neue Diagnose hinzukommt. Ich erwähnte zwar schon häufig, dass es keinen Cut gibt, nachdem man einfach so weiterlebt wie vor dem Krebs, aber ich merke selbst wie schwer es mir fällt zu glauben, dass der Tag nicht mehr kommen wird, an dem es so sein wird wie früher. Ganz ohne Medikamente und ohne körperliche Beschwerden. Aber schwarze Schafe beschweren sich ja auch nicht, dass sie schwarz sind, deshalb versuche ich mich Stück für Stück mit dem Behindertsein anzufreunden. Ich persönlich finde es sowieso toller nicht so zu sein wie der Durchschnitt. Dann lässt sich das vielleicht auch leichter akzääähhhptieren.

Aber jetzt etwas konkreter zu der letzten Krebsnachsorge:

Vor zwei Wochen ging ich zur jährlichen Kontrolluntersuchung in die Klinik für Radioonkologie. Ich wurde begutachtet und mir wurden einige Fragen zu meinem derzeitigen Befinden gestellt. Mein Strahlenarzt fasste es so zusammen: ,,Frau Müller, Sie werden nicht mehr wie neu. Dafür hatten Sie einfach zu intensive Therapien.". Ich hätte ihn ja am liebsten gleich verprügelt nach dieser Aussage, aber der gute Mann brachte ja einfach nur das auf den Punkt, was ich nicht hören wollte...wovor ich die ganze Zeit die Augen verschloss. Da ändert "Kloppe" wohl auch nichts mehr. Oder? :)

Heute erfuhr ich von meinen Untersuchungsergebnissen...von Ultraschall, Thorax-Röntgen und Labor. Es sieht alles richtig schaaaf aus :) Juhuuuuuuu!!! Sogar mein Hormonstatus ist völlig altersentsprechend, dank der Hormon- Depotspritzen, die ich während der Chemo zum Fertilitätsschutz bekam :) Da hat es sich doch gelohnt die Wechseljahreserscheinungen auf mich zu nehmen. Und das Wichtigste- es sind keine neuen Knötchen aufgetaucht!!!!!!!!

Doch da es ja immer irgendetwas zu meckern gibt, komme ich mal gleich zur Sache...

Damals wurden ja alle verkrebsten Lymphknoten bestrahlt u.a. die in der rechten Achsel. Seit einiger Zeit fühlt es sich so an als wären meine rechte Hand und der dazugehörige Arm geschwollen...so als hätte ich dicke Wurstfinger. Dann kribbelt es in den Fingern und dann ist da noch ein Druckgefühl. Heute stellte ich meiner Onkologin mein neues Problem vor und sie begutachtete beide Arme im Seitenvergleich und stellte eine minimale Abweichung fest. Ich habe eine Lymphabflussstörung im rechten Arm und muss nun fortan zwei mal wöchentlich zur Lymphdrainage. Das ist schon ne gruselige Vorstellung nun zeitlebens auf diese Behandlung angewiesen zu sein. Dafür sehe ich meine Lieblingsphysiotherapeutin bald wieder :) Das ist ja auch wieder toll :)


Bald muss ich dann wieder meine Lungenfunktion überprüfen lassen und mal wieder zum Herzultraschall... Aber jetzt ist das erstmal geschafft.

Määäh & alllllllerliebste Grüße :*






Sonntag, 4. Oktober 2015

Meine Zwillingsschwester

Zum Tag der Deutschen Einheit bekam ich Besuch von meiner Freundin Moni aus Schleswig- Holstein. Wir kennen uns von der onkologischen Reha in Boltenhagen und pflegen seither unsere "Ost-West-Freundschaft" über die nicht mehr vorhandene innerdeutsche Grenze hinaus.

Das mit uns beiden ist ein wenig verrückt. Schon während der Reha stellten wir fest, dass wir "Zwillingsschwestern" sein könnten. Auch Mitpatienten und die Therapeuten verwechselten uns häufig. Diesen Vorteil nutzten wir selbstverständlich aus. Ich schwänzte dann so manches mal die Therapien und ließ mich von Moni vertreten :-)

http://www.pink-shoe-day.de/



Im vergangenen Jahr besuchte ich vor der Reha den Pink Shoe Day in Leipzig- eine Veranstaltung, die das Thema Brustkrebs in den Fokus rückt. Da Moni wegen Brustkrebs in Behandlung war, berichtete ich ihr von diesem Ereignis und schwärmte von meinen Erinnerungen. Sie versprach mir daraufhin, dass wir den kommenden PDS gemeinsam unsicher machen werden. Gestern erfüllte sie ihr Versprechen.




Wir feierten Deutschlands Wiedervereinigung & unser (Über)Leben. 
Wäre die Mauer nicht gefallen, würden wir uns heute gar nicht kennen. 



Noch mehr zum Pink Shoe Day - Schaut mal rein !!!!








Dienstag, 29. September 2015

Von Steinen, die im Weg liegen

Sich nur einen Tag frei fühlen - ein Geschenk
ohne dieses Grübeln, Hoffen, Bangen
Glückseligkeit bedeutet einen dieser Momente festzuhalten 
in denen alles einfach unkompliziert ist
wo sonst alles kompliziert ist
das Gefühl des Vertrauens und der Schwerelosigkeit
sich fallen lassen in die Hände des Universums
abheben, schweben in Unbekümmertheit
im Fluss mit sich und der Welt
angstfrei ohne diese Bilder im Kopf
endlich vergessen
morgens aufstehen ohne jeden Tag aufs Neue 
den grauen Himmel bunt anmalen zu müssen
wieder singen, tanzen, lachen
sich jung fühlen
Alkohol trinken ohne Rücksicht auf die Magenschleimhaut 
über die Grenzen gehen
ohne anschließend die Quittung vom Körper zu kassieren
das Gepäck einmal zur Seite legen
zur Ruhe kommen
und sich Zeit nehmen um die Wunden anzufassen
ihnen Beachtung schenken
über das Wunder der Heilung staunen 
und gleichzeitig alle Trümmer aufsammeln
nicht mehr in Wartezimmern hocken
frei drehen
keine Nadeln in den Armbeugen
kein Bock auf TSH, CRP  und Leberwert
meine Zellen einfach mal Zellen sein lassen
keine Tabletten, keine Nebenwirkungen
scheißen auf Statistiken, Studien und die Lügen der Pharmaindustrie
nicht immer stark sein müssen
die Rüstung ablegen
nicht lächeln, nicht optimistisch sein,
einfach Normalität
einfach?










Donnerstag, 17. September 2015

Herzrasen

 
...ich krieg das schon wieder unter Kontrolle!

Seit einiger Zeit merke ich wie schwerfällig mein Bewegungsverhalten beim Treppensteigen ist und wie mir die Puste wegbleibt, wenn ich in die Pedalen meines Drahtesels trete. Nur nach kurzer Zeit bin ich völlig außer Atem und schwitze als würde ich das 40- kg -Wollknäuel des kürzlich entdeckten Merino- Schafes, welches seit fünf  (oder sechs?) Jahren nicht geschoren wurde, mit mir herumschleppen. Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch und mein erster Gedanke war natürlich, dass dies am eigens versaubeutelten Konditionsmangel liegen müsste. Normalerweise würde ich dieses Problem wie üblich mit regelmäßigem Joggen wieder gerade biegen. Doch es ist wie immer etwas komplizierter.  Es kommt nämlich hinzu, dass mein Herz bei minimaler Belastung, Pulswerte erreicht, die jenseits von Gut und Böse liegen. Doch nicht nur das- ich laufe mit einem stetigen Ruhepuls zwischen 90 und 130 durch die Gegend. Ich fühle mich als fände sekündlich eine Reaktor- Explosion in meinem Brustkorb statt. Ich habe übergangsweise sogenannte Betablocker verschrieben bekommen, die den Reaktor unter Kontrolle halten sollen. Doch möchte ich mich nicht erneut von Medikamenten abhängig machen. Als Übergangslösung nehme ich nun erstmal ein homöopathisches Mittelchen. Das hilft ganz gut.
Optimal wäre für mich ein Ausdauertraining, das perspektivisch alles wieder ins Lot bringt. Dafür bräuchte ich allerdings eine Herzsportgruppe oder etwas in der Art, weil die Belastung an meine Speedy- Gonzales- Herzfrequenz angepasst werden muss. Wenn das Herz nämlich einfach so in seinem Tempo rast, werden die Organe nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt und am Ende entsteht noch zusätzlicher Schaden.

Heute habe ich mich auf den Weg in ein Gesundheitszentrum begeben um mich dort gezielt zu den Sportangeboten zu informieren. Der Arzt nahm sich sehr viel Zeit für mich, reduzierte meine Beschwerden allerdings ausschließlich auf die Psyche, da im Blutbild kein Anzeichen für eine Herzerkrankung sichtbar wäre. Er warf nur einen kurzen Blick in meine Befunde und redete dann auf mich ein, dass ich nach der Ursache für mein Herzrasen suchen müsse. Krebs und kardiologische Erkrankungen würden angeblich nur die Psyche verursacht werden. Also könne ich genauso gut in ein Fitnessstudio gehen, seiner Meinung nach. Ich müsse nur mein psychisches Problem in Angriff nehmen. Ich war überrascht, dass er nach einem ersten Gespräch meine seelische Verfassung dermaßen ausführlich beurteilen konnte und in kurzer Zeit mehr über mich zu wissen schien als meine Psychologin, die mich seit Beginn meiner Erkrankung begleitete. In mir kochte es! Ich wollte lediglich ein Beratungsgespräch und keine neuen Interpretationen meiner Biographie.

Aus eigener Erfahrung weiß ich sehr gut, dass die Seele den Körper wirklich stark beeinflussen kann, doch wenn ich mir als Patient solche Wald- und Wiesen- Theorien anhören muss, dann frage ich mich, ob ich demnächst wohl doch eher einen Termin zum Kartenlegen vereinbare oder ob ich darauf warte, dass mir bei Facebook demnächst Werbeanzeigen für Herzsportgruppen in meiner Region eingeblendet werden. Da kann ich mich wenigstens darauf verlassen, dass meine Daten gründlich studiert werden.
Nun ja, nächste Woche habe ich nochmal einen Termin bei meiner Onkologin. Dort weiß ich mich in guten Händen.
Es hilft ja alles nix. Ich finde schon noch das Passende. Für Tipps bin ich jederzeit offen und dankbar :)

Euer Schäfchen


Montag, 14. September 2015

Määäh- Hatschi!

Hallo ihr Lieben :)

Nach meiner langen Sommerpause melde ich mich wieder zurück! Langsam muss ich mir wohl wieder ein Winter(schafs)fell zulegen und die dicken Socken aus dem Kleiderschrank kramen, denn ich hatte schon wieder die erste Erkältung- pünktlich zum meteorologischen Herbstbeginn. Manchmal habe ich den Eindruck, dass mein Körper sich langweilt, sobald eine Baustelle mal länger als einen Monat ruht und schwuppdiwupp fängt er sich was neues ein. Für die nächste anrollende Infektionswelle bin ich dann zumindest bestens ausgestattet....mit Erkältungsbadezusatz, sowie mit Ingwer&Salbei gegen Halsweh und mit anderen Hausmittelchen. Außerdem habe ich mir auf Empfehlung meiner lieben Tante, die ich neulich besuchte, ein Kochbuch zugelegt, indem tolle vegetarische Rezepte zu finden sind, die das Immunsystem stärken sollen (,,Immun durch richtige Ernährung" von Hedwig Hajdu).
Ich persönlich finde es total schwierig als routinierte Freitags- Spaghetti- Bolognese- Esserin und leidenschaftliche Hack- Liebhaberin plötzlich radikal auf vegetarische Kost umzusteigen, deshalb versuche ich systematisch die Fleischportionen aus meinem Leben zu verbannen und sie durch schmackhafte Gemüse- Happen zu ersetzen. Das Gute dabei ist, ich kann total kreativ in der Küche sein und habe sogar Freude bei meinen Experimenten am Kochtopf.  Das Ergebnis ist dann sowas wie ein Happy Meal- bloß in gesund und lecker. Ich probiere immer wieder neue Gemüsesorten, Gewürze und Öle miteinander zu kombinieren- so wird es nie langweilig! Im besagten Kochbuch stehen tolle Anregungen, die sich auch wunderbar abwandeln lassen.

Ich möchte jedenfalls vorbereitet sein auf weitere Angriffe von Bazillen und Viren! Denn irgendwie scheint mein Immunsystem auch ein Jahr nach der Höllentherapie noch ziemlich geschwächt zu sein.

Zu meinen persönlichen Lieblingsimmunturbos gehören:

  • Grapefruit- am Liebsten frisch gepresst in Kombi mit einer Orange oder auch trinkfertig im Tetrapack
  • Ananas- am besten von Mutti aufschneiden lassen, denn das ist immer so ne Matscherei ;-)
  • Haferflocken- im Morgenmüsli mit frischem Obst & Vanillejoghurt oder mit Hafermilch
  • Knoblauch- eine Zehe am Tag (da haben alle was davon)
  • Rote Bete- auch gerne in Saftform
  • Orangen
  • Brokkoli- in allen Varianten
  • Ingwer- Ich mag ihn am Liebsten als Tee... da bekomme ich auch immer sehr schnell warme
    Füße, denn frischer Ingwer-Tee heizt richtig ein :-)       
  • Zwiebeln 
  • Zitronen 
Dann werde ich ja sehen, ob ich weiterhin standhaft bleibe und hoffe auf neue Inspirationen am Kochtopp! Schaf tut, was Schaf kann. In diesem Sinne... Määähh- Hatschiii!!






Donnerstag, 27. August 2015

Auf WanderSCHAFt


Frei nach dem Motto: ,,Das Wandern ist des Müllers Lust", habe ich mich mit Wanderschuhen und meinem kleinen grünen Zelt auf die Reise begeben, in die Urlaubsregion Berchtesgaden. Dort verbrachte ich gemeinsam mit meiner liebsten Tante ein paar wundervolle Tage. Ich zeltete direkt an der Saalach, ganz idyllisch, auf einem überschaubarem und ruhig gelegenem Campingplatz. Rund um die Uhr von frischer Bergluft, Wäldern und Wasser umgeben, fühlte ich mich wohl behütet von Mutter Natur. Für mich gibt es nichts Schöneres!

Ich finde es immer wieder erstaunlich wie wenig man eigentlich benötigt um sich tatsächlich glücklich zu fühlen. Ein Dach über dem Kopf, ein paar warme Socken an den Füßen und ringsum das, was man mit Geld nicht bezahlen kann- die Schönheit der Berge. 
Tag für Tag reduzierte ich diverse Gegenstände, die mir zunehmends völlig überflüssig erschienen und mir unnötig viel Platz wegnahmen, aus meinem Zelt. Aus Angst zu verhungern oder zu erfrieren, hatte ich nämlich Unmengen an Gepäck dabei. Natürlich vergaß ich standardmäßig beim Kofferpacken wesentliche Dinge- meine Isomatte und einen Bieröffner. Doch Not macht erfinderisch. Ich legte mich auf die Decken, die sonst auf meinem Rücksitz im Auto liegen und ich lernte eine Bierflasche mit einem Karabiner zu öffnen. Niemals zuvor schmeckte ein Bier so gut wie dieses!

Auch mein Körper freute sich über die Luftveränderung! Meine Lungen bekamen die herrliche Luft zu spüren und ich war ein paar Tage komplett befreit von dem ollen Husten. Seit der Therapie löst sich nämlich immerzu so ekliger Schleim aus meiner Lunge. Iiiihhh!!! Das ist nämlich überhaupt nicht schaaaf!
Auch beim Wandern durch den Wald fühlte ich mich richtig fit und gesund. Mir ist so, als hätte ich meine Sorgen dort zurückgelassen und ganz viel neue Energie zurückgewonnen. Einfach magisch!







Samstag, 15. August 2015

Nicht mit mir!

Ein süßer Moment der Stille. Ich atme auf. Ich spüre wie der Atem durch meine Lunge strömt- kein Kloß im Hals, kein Engegefühl im Brustkorb. Freiheit. Ich genieße jede Sekunde des Tages- yippie - ich kann wieder genießen! Allmählich atmet meine Seele auf. Mehr als ein Jahr lang drehte sich fast alles um meinen Körper und seit ein paar Wochen lass ich jeden Tag ein Stück Schmerz zurück und gewinne dafür einen Bruchteil an Zuversicht wieder. Wie lang habe ich diesen Tag herbeigesehnt- diesen Tag an dem ich frei bin von Angst und Traurigkeit. Es fühlt sich so an als wäre ich noch einmal neu geboren worden, mit dem Unterschied, dass ich jetzt nicht mehr bei Null anfangen muss.
Ich weiß, dass dieses Gefühl von großer Dankbarkeit nicht ewig anhalten wird. Auch von Traurigkeit und Angst bleibe ich nicht auf ewig verschont. Irgendwann wird der Alltag wieder einkehren. Mir ist völlig bewusst, dass ich mir meine Freiheit selbst erkämpfen muss. Die Gesellschaft wird ihr übriges dazu beitragen, um mich in ihren Fesseln zu halten. Angepasst, leistungsorientiert und genügsam mit meiner sogenannten "Freizeit", soll ich mich schnellstmöglich in das altbewährte Raster wieder einfügen. Nicht zu vergessen mit einem vernünftigen Mann an der Seite, weil Single sein, beinahe so schlimm ist, wie an einem Krebsgeschwür zu erkranken. Hach, bloß gut, dass ich bereits Erfahrung mit beiden Lebensmodellen habe.
Ich habe die Nase voll von gesellschaftlich auferlegten Dogmen und Leuten, die zu wissen glauben, was gut für mich sei! Ich habe den Krebs aus eigener Kraft besiegt und die Depression bewältige ich auch- in meinem eignen Tempo. Niemand soll mehr über mich urteilen dürfen wie ich mich am Besten zu verhalten habe. Ich sage, wen es nervt, mich auf diesem umständlichen Weg zu begleiten, der hat es auch nicht verdient den Wald- und Wiesenweg mit mir zu gehen. Ich habe genug von leeren Versprechungen! Lieber verbringe ich die Zeit allein als mit den falschen Leuten an der Seite. Lieber habe ich einen ausgewählten Kreis an Freunden, die ich nicht täglich sehe, die es dafür aber ehrlich mit mir meinen. Dann bin ich mit mir im Reinen und mein Leben wird gelebt. Ich habe mich für den Hardcore- Weg entschieden! Hamsterrad und Einbahnstraße- nicht mit mir!


Sonntag, 2. August 2015

Balthasar

Letzten Freitag besuchte ich meine ehemaligen Mitpatienten aus der Tagesklinik. Da ich vorzugsweise mit der Bahn anreise, nutzte ich  auch diesmal die Wartezeit bis zur Ankunft der nächsten S-Bahn, zum Herumstöbern in der Ludwig- Buchhandlung am Hauptbahnhof Leipzig.

Das Flanieren zwischen den Bücherregalen hat immer etwas Magisches an sich. Manchmal bleibe ich instinktiv vor einem Stapel Bücher stehen und greife dann zu einer Lektüre, die genau zu meiner momentanen Lebenssituation passt.
Auch diesmal war es wieder Liebe auf den ersten Blick. In meiner Hand hielt ich den Roman "Rucksackkometen" von Stefan Ferdinand Etgeton - eine Geschichte von zwei lebenshungrigen  Freigeistern, die sich auf eine Europatour begaben. ,,Genau das ist es, was ich jetzt brauche!", war mein erster Impuls. Gerade einen Tag zuvor, hatte ich mit dem Gedanken gespielt längerfristig zu verreisen. Nun war die Sache für mich entschieden. Das ist eine dieser Verrücktheiten, denen ich unbedingt nachgehen muss. Ein Abenteuer, eine Chance, Erfahrungen zu sammeln, die jenseits der gewohnten Strukturen liegen. Schließlich weiß ich nicht, welche Überraschung mein Körper als nächstes für mich bereithält?! Vielleicht hilft mir eine Reise auch dabei, meine Seele wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Meine Therapeuten empfahlen mir schließlich, dass ich jetzt all den Dingen nachgehen solle, die mir im Augenblick gut tun, damit würde ich meine Genesung positiv beeinflussen. Außerdem möchte ich nicht an der nächsten Infusion hängen und an meine unerfüllten Träume denken. Als ich damals im Krankenhaus lag, wusste ich bereits, dass ich Krebs hatte, aber die Art des Tumors war noch unklar. Ich betete zu Gott, Buddha, Jehova, Allah und dem Universum, und bat sie darum, mir noch mehr Zeit zu schenken. Mir war klar, ich darf diese Welt nicht verlassen, ohne sie vorher richtig kennengelernt zu haben.

Nachdem ich der Buchhändlerin mit breitem Grinsen den "Rucksackkometen" über die Ladentheke gereicht hatte, um mich ordnungsgemäß abkassieren zu lassen, klemmte ich mir meine neue Errungenschaft unter den Arm und stolzierte damit in Richtung Bahngleis 2. Die überfüllte Bahnhofshalle machte mich recht nervös, da ich in großen Menschenmengen sehr zur Reizüberflutung neige. Ich versuchte so gut es ging das Drumherum auszublenden, was mir mehr oder weniger gut gelang. Trotz Tunnelblick, entging mir nicht, wie mich ein Mann, mit honigkuchenpferdhaftem Lächeln anstarrte. Leicht irritiert ging ich an ihm vorbei, grinste unsicher, schaute verlegen zu Boden und prüfte dann noch einmal, ob mir das Lächeln galt. Insgeheim hoffte ich, nicht in eine unangenehme Situation zu geraten. Der Mann lief an mir vorbei, zögerte kurz, stoppte dann abrupt und sprach mich an. Ich dachte zunächst: ,,Oh mein Gott, hoffentlich habe ich keine falschen Signale ausgesendet.", war dann aber beruhigt als er mir sagte, dass er nicht beabsichtigte mich zu belästigen, er wollte mir lediglich mitteilen, welch sympathischen Eindruck ich bei ihm hinterlassen hatte. Es wäre ihm ein Bedürfnis gewesen mir dies mitzuteilen. Ich schaute ihn leicht verlegen und noch immer etwas irritiert an, bis ich ihm dann meine Hand hinstreckte und mich mit meinem Namen vorstellte. Er entgegnete: ,,Ich bin Balthasar".
Da ich mit meiner Intuition meist richtig liege und ich ein sicheres Gefühl bei meinem Gegenüber hatte, ließ ich mich auf eine spontane Unterhaltung ein. Balthasar wohne in Leipzig und komme allerdings ursprünglich aus Mosambik, erzählte er mir. 20 Jahre würde er nun bereits in Deutschland leben. Er habe seine Frau vor zwei Jahren verloren, wegen Brustkrebs. Seither kümmere er sich um seine fünfjährige Tochter. Er hielt kurz inne. Ich schaute ihn mitfühlend an, fühlte mich zudem durch das Schicksal seiner Frau, mit ihm verbunden. Ich spürte, dass er mit den Tränen kämpfte. Balthasar hielt in seiner linken Hand eine Flasche Bier, wollte diese gerade öffnen und als wäre es ihm unangenehm, versicherte er mir, er wäre kein Alkoholiker und fragte mich, ob ich auch gern etwas trinken wolle...er würde mir auch ein Bier besorgen, sagte er entgegenkommend. Ich schmunzelte ihn an und lehnte dankend ab. Er zeigte auf die Beule unter seinem Shirt, etwa in Brusthöhe, versicherte mir, dass er dort lediglich seine Dokumente aufbewahren würde und nichts Gefährliches bei sich habe, aber am Bahnhof häufigen Kontrollen ausgesetzt wäre und er deshalb seine Papiere immer bei sich haben müsse. Verwundert schaute ich ihn an und fragte mich insgeheim, ob auch hellhäutige Passanten so regelmäßig kontrolliert werden und weshalb er sich für jede Kleinigkeit zu rechtfertigen bemühte. Ich unterbrach ihn für einen Augenblick, beruhigte ihn, dass er sich vor mir nicht erklären müsse und staunte darüber, dass er sich trotz der angeblichen Negativerfahrungen so vertrauensvoll und offenherzig mit mir unterhielt. Wir tauschten uns noch einige Minuten aus, dann sagte mir Balthasar etwas, das ich nicht vergessen werde:,,Es ist meine Bestimmung mich um meine Tochter zu kümmern. Gott hat mir diese Aufgabe anvertraut. Es war seine Entscheidung, dass er meine Frau zu sich genommen hat. Ich sträube mich nicht dagegen. Es sollte so sein.". Dann fügte er noch hinzu: ,,Auch, dass ich dir über den Weg gelaufen bin, war kein Zufall. Gott hat es so gewollt.". Wir lächelten uns an. Ich verabschiedete mich von Balthasar, da ich meine Bahn noch schaffen wollte.

Diese sieben Minuten in der Bahnhofshalle, bestätigten mich noch einmal in meinem Vorhaben. Ich muss mehr Menschen kennenlernen, die so sind wie Balthasar. Menschen, aus deren Begegnung ich mehr mitnehme, als aus einer viertel Stunde Tagesschau mit Berichten über die sogenannte "Flüchtlingsproblematik". Wenn wir völkerübergreifend miteinander ins Gespräch kommen, merken wir hoffentlich endlich, dass wir in erster Linie, Menschen, die in großer Not sind, in unser Land aufnehmen, bevor wir damit beginnen, ihnen den Stempel "Ausländer" aufzudrücken.

Samstag, 1. August 2015

Auf keinen Fall pflegeleicht

Diese Woche hat mal wieder bewiesen, dass alles ganz schnell vorbei sein kann. Mein Kardiologe diagnostizierte bei mir ein "hyperkinetisches Herzsyndrom" (das Gott sei Dank reversibel ist!!)...aber mittels Ultraschall wurde außerdem noch erkannt, dass die Bestrahlung mein Herzgewebe beschädigt hat. Es ist nun für immer und ewig vernarbt- mein gerade mal 22 Jahre altes Herz. "Erstmal ruhig bleiben", hab ich mir gesagt, aber ich beherrsche die Theorie oft besser als die Praxis. Deshalb habe ich mich ganz auf Jul'sche Art da erstmal kräftig hineingesteigert. Oh ja, darin bin ich wirklich gut! Ich habe meine Gewebsvernarbung ausgiebig betrauert.
Die Höllentherapie ist gerade mal ein Jahr her. Mir wurde noch einmal deutlich vor Augen geführt, dass durch meine Venen kein Rosenwasser floss und die Strahlentherapie auch kein Besuch auf der Sonnenbank war. Die Auswirkungen von Gammastrahlen und Giftinfusionen, bekomme ich nun wieder ganz deutlich zu spüren. Mein Körper ist immer noch ein riesiges Schlachtfeld. In meinen Zellen findet ein Kampf statt, in dem es wahrlich um Leben und Tod geht. Beschädigte Zellen wehren sich, wollen sich erneuern. Andere Zellen wiederum halten den Einflüssen der Toxine nicht stand und schrumpeln ergiebig zusammen, vernarben oder werden abgebaut. Frei nach dem Motto: "Nur die Harten kommen in den Garten", wird tagtäglich neu aussortiert. So wie ich derzeit mental klar Schiff mache, wird auch auf Körperebene ordentlich umstrukturiert.
Ein positiver Nacheffekt solcher Hiobsbotschaften, ist das wohlig warme Gefühl, das ich in meiner Magengegend spüre, wenn mir klar wird, die Lebenszeit ist begrenzt, aber die Zeit, die ich habe, ist verdammt nochmal zum Genießen da. In Abständen brauche ich solch einen liebevollen Arschtritt.  Zu erkennen, dass in jedem Tag eine neue Chance liegt, pusht mich ungemein. Ich möchte gar nicht mehr anders leben. Ich brauche den Tod im Nacken, sonst fehlt mir die Spannung. Ich liebe all diese qualvollen Momente, in denen ich bis an meine Grenzen getrieben werde. Ich liebe das friedvolle Gefühl, das nach einem Seelengewitter in mir einzieht. Freude und Glück kann man nur in dieser Intensität empfinden, wenn man auch die bitteren Gefühle in sein Leben zu integrieren weiß. Wäre ich ein Haufen Wäsche, wäre mein Waschprogramm auf keinen Fall "pflegeleicht". Doch von diesem Leben im Chaos aus Emotionen, möchte ich nicht eine Sekunde missen. All das gehört zu mir, ist Teil meiner Persönlichkeit und darf so sein. Genauso hab ich mich gern!

Freitag, 24. Juli 2015

Leben bedeutet...



....Traurigkeit & Angst in Hoffnung verwandeln...
...den nächsten Schritt wagen...
...sich Zeit nehmen...
...lieben & lachen...
...in Bewegung bleiben...
...Glücksmomente auskosten...
...Wunder erleben...



Dienstag, 21. Juli 2015

Meine Buche

Im Park meines Heimatortes steht eine Buche. Das Besondere an diesem Baum, ist eine große Astgabel, die ich mir als Liegefläche auserkoren habe. Die Holzoberfläche fühlt sich weich und glatt an und der Ast wölbt sich bogenförmig gen Himmel, sodass ich mich wunderbar an ihm anlehnen kann. Er ist weder zu steil, noch zu flach. 
Dieser Platz eignet sich perfekt zum Lesen, Träumen und zum Nachdenken. Auf ihm liegend, vergesse ich Zeit und Raum und bin ganz bei mir. Manchmal fühlt es sich so an als wäre er eigens für mich gewachsen. Wenn ich den Blick in den Himmel richte, beobachte ich wie  der Wind die Blätter sanft hin und her wiegt  und dabei ein weiches, aber intensives Rascheln zu hören ist. Wenn dann das Licht durch das Blattwerk hindurch schimmert, sieht es so aus als würden die hellen Strahlen auf ihnen tanzen. 


Eine weitere Besonderheit meiner Buche ist ein Astloch, das sich nach jedem Regenguss mit Wasser füllt...als befände sich ein kleiner See im Holz, auf dessen Oberfläche sich die Blätter der Baumkrone spiegeln. 


Ich finde jeder Mensch sollte so einen besonderen Platz haben, an dem er den Rest der Welt für einen Augenblick vergessen kann.


Montag, 20. Juli 2015

Schafsköteltag

Der Übergang von ganzwöchigem Therapieangebot in den Alltag ist einfach zum Schafsköteln. Nach drei Monaten Tagesklinik fühle ich mich total allein gelassen und zudem überfordert mit so viel Zeit, die mir nun zur Verfügung steht. Ja, auch Freizeit kann qualvoll sein. Es fehlt das Muss früh zeitig aufzustehen. Klingt eigentlich nach Spiel, Spaß & Spannung, ist es aber nicht. Mein Tagesrhythmus passt sich meinen bevorstehenden Terminen an und die Möglichkeiten des sozialen Austauschs sind auch begrenzt. Der Absprung in den Alltag erfolgte einfach zu abrupt. Was fehlt, ist so eine Art stufenweise Wiedereingliederung. Der Übergang von Wochenende ins gefühlte endlos Wochenende, lässt sich einfach nicht schön reden, wenn man bereits zwei Jahre mit Genesung verbracht hat. Heute bin ich einfach unzufrieden mit mir und der Welt. Ich hoffe, dass ich bald wieder neuen Anschluss finde. Aber es gibt eben auch einfach mal schlechte Tage.


Freitag, 17. Juli 2015

Auch das dickste Schafsfell braucht einmal Perwoll

Ich war 14 Wochen in einer psychiatrischen Tagesklinik. Daraus mache ich kein Geheimnis. Wer eine Krebserkrankung hinter sich hat, ist hinterher auch seelisch verwundet. Ich bin der Meinung, wer von sich behauptet, dass seine Seele keinen Schaden von den Therapien genommen hat, der macht sich selbst und anderen etwas vor. Davon bin ich überzeugt. 
Psychotherapeutische Hilfe wird häufig abgelehnt, da damit oftmals Schwäche verbunden wird. Sätze wie: ,,Was denken denn die anderen, wenn ich zum "Seelenklempner" gehe?", ,,Früher mussten wir auch ohne Psychotherapie unser Leben meistern.", oder auch, ,,Da muss man sich eben mal zusammenreißen.", sind schlichtweg unter geistigem Dünnschiss zu verbuchen, aber leider noch in vielen Köpfen allgegenwärtig. Angst vor Ablehnung und Stigmatisierung spielen eine Rolle. Zudem ist es oftmals leichter die schmerzhaften Gefühle zu verdrängen, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Doch mit verdrängten Emotionen verhält es sich ähnlich wie mit einem Ball, den man krampfhaft versucht unter Wasser zu halten... irgendwann kommen sie wieder an die Oberfläche und zwar mit voller Wucht. 
Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es sich lohnt professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Es tat mir gut meine Last nicht allein zu tragen. Außerdem habe ich gelernt meine Gefühle besser einzuordnen. Auch, mir schlicht weg, etwas von der Seele zu reden, hilft mir bei meiner Krankheitsverarbeitung. Es muss ja nicht gleich ein Klinikaufenthalt sein, auch eine ambulante Psychotherapie ist sinnvoll. Gerade für Krebspatienten gibt es speziell ausgebildete Psychoonkologen.


"Menschen glauben, dass sie normal sind, weil sie alle das gleiche machen. 
Menschen, die anders sind, gelten leicht als verrückt."

Paulo  Coelho 


Da heute mein letzter Therapietag war, möchte ich nun noch etwas persönlicher von meinen Eindrücken, die ich aus der Tagesklinik mitnehme, berichten. 
Ich blicke auf eine emotionale Zeit zurück, die mich unglaublich geprägt hat. Als sprichwörtlich, kleines Häufchen Elend, kam ich in die Klinik und ich gehe, als stolze Frau mit neuem Mut im Herzen. 
Ich habe Menschen getroffen, denen schwere Schicksalsschläge widerfahren sind und die es nicht verdienen, von der Gesellschaft für ihre seelische Erkrankung belächelt zu werden. 
Die meisten meiner Mitpatienten sind starke Persönlichkeiten mit enormer innerer Stärke und einem großen, tapferen Herzen, denen das Leben einfach übel mitgespielt hat. Sie sind die wahren Helden unserer Gesellschaft, da sie ihr Problem anpacken und Mut zur Veränderung haben. Sie lassen sich nicht von ihrer Vergangenheit unterkriegen, sondern kämpfen für ein glücklicheres Leben und arbeiten hart an sich.
Initiative, anstelle von Selbstmitleid, das ist ihre Devise. Verrückt sind nicht die Menschen, deren Seele, Unfassbares zugemutet wurde, sondern die Welt, die häufig nur wenig Platz hat für Gefühlsmenschen und Andersdenkende. 
Ich habe Zuwendung und Mitgefühl erfahren, obwohl jeder von meinen Leidensgenossen selbst genügend mit sich herumzuschleppen hat. Ich habe mit und von ihnen gelernt. 

Ich danke euch von ganzem Herzen, Ihr Lieben! 
Lasst Euch nicht unterkriegen...seid frech und wild und wunderbar :)

Nochmals DANKE für dieses wundervolle Abschiedsgeschenk, meine liebe K.K.!!!! 
Du fehlst mir jetzt schon unglaublich.

Auch meinem kleinen Rapunzel liebsten Dank für das selbstgenähte süße schwarze Schaf :)

Alles, was Schaf liebt :) * Mäh in black *

Schwarzes Schaf im Teigmantel







Donnerstag, 16. Juli 2015

? - !

Als ich krank war, stellte ich mir mehrfach die Fragen: Wieso ich?, Woher kommt mein Krebs? und Weshalb gerade jetzt?. Nun, darauf wird mir natürlich niemand eine Antwort geben können. Es gibt höchstwahrscheinlich auch nicht die einzig wahre Erklärung, aber dennoch stelle ich mir diese Fragen hin und wieder. Der Papst würde sicherlich von einer Prüfung Gottes sprechen... die meisten Menschen von Schicksal... Esoteriker vom Zeichen des Universums... Seelenheiler vom Hilferuf der Seele an den Körper... Schulmediziner argumentieren mit Statistiken, die dieses und jenes belegen... auch die Krebsforschung hat jedes Jahr eine neue Erkenntnis.
Eigentlich ändert es auch nichts, wenn ich weiß, ob mir meine Urahnen irgend ein Bösewicht- Gen vererbt haben oder ob ich zu viel Pestizide inhaliert und zu wenig Himbeeren gegessen habe. Auf all diese Dinge habe ich persönlich wenig Einfluss und kann bestenfalls in Zukunft meine Ernährungsweise optimieren und auf ausreichend Bewegung und Frischluft achten.
Was für mich zählt, ist, dass ich diese Krankheit überstanden habe. Ich versuche mir die positiven Dinge vor Augen zu führen. Von ihnen kann ich zehren und an ihnen werde und bin ich schon gewachsen. Das Kranksein lehrte mich auf radikale Art und Weise mehr auf mich und meine Bedürfnisse zu achten. Mein Körper sendet mir deutliche Signale, wenn ich meine Leistungsgrenze überschreite. Ich bekomme sofort eine Erkältung oder brauche mehrere Tage um meinen "Akku" wieder aufzuladen. Solange ich gesund war, dachte ich, es wäre selbstverständlich auf allen Hochzeiten zu tanzen und es allen immer recht machen zu müssen. Das Wörtchen NEIN gehörte nicht zu meinem Wortschatz.

Happymaker

"Ich brauche heute einfach mal nur Zeit für mich" - diesen Satz gebrauche ich mittlerweile und ich genieße es sogar, wenn ich Zeit mit mir allein verbringen kann. Manchmal bin ich dabei sogar produktiv...ich nähe, bastle oder schreibe Briefe. Ich lebe wieder, anstatt zu funktionieren.

Freitag, 3. Juli 2015

Danke, Michaela!

,,Die wahre Lebenskunst besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen"

Neulich verfasste ich den Post Gänseblümchen für die Seele. Es ging um Momentversüßer und Seelenstreichler, die den Alltag erst zu etwas Besonderem machen. 
Normalerweise "pflücke" ich mir meine Gänseblümchen selber, doch es gibt auch Menschen (eigentlich sind es Engel), die Gänseblümchen verschenken. Ein solch wundervoller Mensch ist Michaela. Sie überraschte mich spontan mit einem Paket, das mich genau zur richtigen Zeit erreichte. Am Montag hatte ich mal wieder ein emotionales Tief, mit Selbstzweifeln und allem, was dazugehört. Da bekam ich dieses liebevoll gefüllte Päckchen im Kinderschuhkarton mit allem, was Schaf liebt...


Ich gestehe, ich musste einige Tränen lassen, weil ich einfach so überwältigt war von dieser tollen Überraschung! Schafsklopapier- das ist doch der Hammer?!Yippie- määääh!!!!:) 

Am Meisten berührten mich allerdings folgende Zeilen auf dieser beigefügten Postkarte:



,,Liebe Jule, vor einigen Tagen habe ich an Dich denken müssen und Dir einfach spontan diesen Beutel gestaltet, weil ich fand, dass jedes "Schaf"seinen eigenen Beutel braucht! Und heute lese ich Deinen Blog und so viele Dinge auf Deiner Liste, könnten auch meine sein, z.B. Dinge basteln und an liebe Menschen verschenken, neue Teesorten ausprobieren und so weiter. Und genau deswegen habe ich ganz spontan dieses kleine Päckchen gepackt, weil ich es auch immer toll finde, wenn es der Postbote bringt. Hab viel Spaß damit und sei ganz lieb gedrückt und wir sind definitiv Seelenverwandte und dein Blog ist super (...)."

Soooooooo etwas Liebes!!!! Ein super wolliges DANKESCHÖN von deinem Schäfchen :-*


Mittwoch, 1. Juli 2015

,,Das Märchen von der traurigen Traurigkeit" oder ,,Trockenbrot und saure Gurken"

Ich habe das Märchen von der traurigen Traurigkeit zum ersten Mal vor einem Jahr gelesen. Kurz nachdem meine Chemo abgeschlossen war, überrollte mich eine gigantische Welle von Trauer, Schmerz und Erschütterung. 
Nachdem vier Zyklen des Giftcocktails durch meine Venen geflossen waren, fühlte es sich für mich so an, als müsste jede einzelne Zelle meines Körpers einen ganz üblen Kater aussitzen. Was fehlte, war der Filmriss am Morgen danach. Rückblickend hätte ich wohl einfach auf das altbewährte Hausmittel zurückgreifen sollen - Trockenbrot und saure Gurken. Vielleicht wäre mir dann das Nachfolgende erspart geblieben. Denn meine Seele begann kurze Zeit nach der Therapie, damit das Erlebte zu verarbeiten und präsentierte mir fortlaufend Szenen meines ganz persönlichen Krebsdramas. Wäre ich auf die Idee gekommen die Bilder meiner Erinnerungen zusammen zu flicken und mit dem dazu passenden Soundtrack zu untermalen, hätte ich dafür sicherlich fünf Oskars abgesahnt. 
Schmerzlich waren nicht allein die Bilder, sondern die damit verbundenen Gefühle. Es gab Momente, in denen wollte ich vor der Traurigkeit davonlaufen. Oft möchte ich das auch heute noch. Doch das Märchen hat mir gezeigt, dass es sich lohnt die Tränen zuzulassen... 

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit
Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens. Bei einer zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub auf dem Wege saß, schien fast körperlos. Sie erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau bückte sich ein wenig und fragte: "Wer bist du?"
Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit", flüsterte die Stimme stockend und leise, dass sie kaum zu hören war.
"Ach, die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte grüßen.
"Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit misstrauisch.
"Natürlich kenne ich dich! Immer wieder hast du mich ein Stück des Weges begleitet."
"Ja, aber...", argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?"
"Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtling einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?"
"Ich... bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.
Die kleine alte Frau setzte sich zu ihr. "Traurig bist du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Erzähl mir doch, was dich so bedrückt."
Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht.
"Ach, weißt du", begann sie zögernd und äußerst verwundert, "es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest."
Die Traurigkeit schluckte schwer. "Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muss sich nur zusammenreißen. Und spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen."
"Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir schon oft begegnet."
Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf, wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Statt dessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu."
Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt.
Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlte, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. "Weine nur, Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt."
Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin: "Aber ... aber - wer bist eigentlich du?"
"Ich?" sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd, und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen. "Ich bin die Hoffnung."
(Quelle unbekannt)

Freitag, 12. Juni 2015

Gänseblümchen für die Seele


Lange Zeit krank zu sein, bedeutet manchmal auch etwas zur Schwarzmalerei zu neigen. Verständlich. Ich habe ein Jahr lang im "Krebsmodus" gelebt. Da überwiegt manchmal das Negative.

Auch, wenn ich meine onkologische Praxis sehr schätze, gibt es durchaus schönere Orte auf der Welt an denen man mit 22 Jahren "abhängen" kann. In einen Plastikbecher zu pinkeln, über die Farbe des Hustenauswurfs zu philosophieren und häufiger ein Blut- Update durchführen zu lassen als ein Update meiner PC- Software, finde ich zwar nicht dramatisch, aber auch nicht gerade sexy.
Irgendwann habe ich damit begonnen mich mehr für meinen Entzündungswert zu interessieren
als für "Sex, Drugs & Rock 'n' Roll" :-)

Ich denke zwar, dass mein Körper auch weiterhin auf dem Prüfstand steht, jedoch möchte ich meinen Gedanken auch mal wieder die Chance geben, sich mit "normalen" Alltagsproblemen auseinanderzusetzen - zum Beispiel mal wieder ausgiebig über das Wetter, Politiker und Rentner zu schimpfen ;-)

Mit Alltagskrams, der mein Leben genussvoller macht, gönne ich meiner Seele nun regelmäßig ein "Gänseblümchen"...
Barfuß laufen

  • ein Schaumbad nehmen
  • ein Konzert besuchen
  • einen Strauß Blumen pflücken
  • kleine Kinder knuddeln
  • in einem Buch schmökern
  • fremde Menschen anlächeln
  • schwarzen Kaffee trinken
  • ein Hörspiel anhören zum Einschlafen 
       ( ,,Die unendliche Geschichte"/ ,,Der kleine Prinz")
  • einen Dalmatiner streicheln
  • Nudeln essen
  • Philosophieren & Träumen
  • Horror- Filme (am besten im Kino) ansehen
  • Kleidung mit Pünktchen- Print kaufen
  • auf einer Wiese liegen und die Wolken vorbeiziehen sehen
  • ein Hackbrötchen mit Zwiebeln essen 
  • an Menschen denken, die ich liebe
  • klassische Musik laut im Auto hören
  • durch eine Buchhandlung spazieren
  • mir einen Soundtrack zu meinem Leben ausdenken
  • alte Fotos ansehen
  • ein frisch gekühltes Bier trinken
  • ins Theater/ in die Oper gehen
  • ein Ü- Ei essen (Spiel, Spaß & Spannung)
  • die Segelschiffchen einer Pusteblume durch die Luft pusten
  • Tanzen
  • eine neue Teesorte ausprobieren
  • in einem Chor singen
  • in Urlaubserinnerungen schwelgen
  • ,,Candy- Crush- Saga" spielen
  • den Bauch nicht einziehen müssen
  • im EIGENEN Bett schlafen
  • roten Lippenstift auftragen
  • Fotografieren
  • mit dem Friseur über seine Probleme reden
  • mir meine Lieblings- DVDs ansehen
  • gemeinsam am Lagerfeuer sitzen
  • Zelten 
  • die Beine im Wasser baumeln lassen
  • beim Fahrradfahren den Wind im Gesicht spüren
  • in frisch bezogener Bettwäsche schlafen
  • im Café andere Leute beobachten
  • Beten
  • Taizé- Lieder singen 
  • etwas selber basteln und verschenken
  • ein Froschkonzert anhören
  • herzhaft lachen und nicht aufhören können
  • über sich selber lachen
  • Schafe auf einer Weide entdecken und sie "anmähen" bis sie "zurückmähen"
mit meinem Häschen kuscheln

Mittwoch, 10. Juni 2015

Herzbaustelle


Manchmal ändert Gott nicht die Situation,
 in der du steckst, weil er will, dass sich dein Herz ändert.

Sonntag, 7. Juni 2015

Ein trauriger Anfang



Meinen ersten Post widme ich Luise, genannt "Klopsi", einer starken Kämpferin und großherzigen Frau, die uns mit ihrem Blog, "Chemoelefant aka Klopsi gegen den Krebs", gezeigt hat, dass es sich immer lohnt das Leben zu lieben und zu schätzen.
Mit ihrem bomben Humor, ihrer Aufrichtigkeit und ihrer positiven Lebenseinstellung hat sie unglaublich viele Herzen berührt. Luise sprach ganz offen über das Thema "Sterben & Tod". Bis zuletzt hat sie ihre Fans teilhaben lassen an ihrer Geschichte.
Leider habe ich Luise nie persönlich kennengelernt. Wir haben mehrmals Anlauf genommen, doch es kam immer etwas dazwischen. Ich bereue sehr, dass ich sie nie richtig in den Arm nehmen konnte. Dennoch fühle ich mich ihr sehr verbunden. Wir tauschten uns via Facebook aus, sprachen uns gegenseitig Mut zu und konnten sogar das ein oder andere Mal zusammen weinen, wenn auch nur virtuell. Wir schickten uns gegenseitig Bilder zu, von unseren verheulten Gesichtern. Luise sagte dann: ,,Jetzt muss ich schon wieder lachen, weil man beim Weinen immer so bescheuert aussieht". Das war es, was sie so sympathisch machte, ihr trockener Humor, obwohl es eigentlich nicht viel zu lachen gab.

Am Freitag teilte uns ihre beste Freundin (Luise 1) mit, dass Klopsi ihren Körper verlassen hat. Ihre Familie, ihre Freunde und zahlreiche Klopsi- Fans trauern nun um diesen wundervollen Menschen.

Ich werde dich niemals vergessen, kleiner Elefant! Flieg in dein neues Leben!




Du wolltest immer, dass ich einen Blog schreibe. Ich hoffe, du hast dort oben guten Empfang, denn ich wäre überglücklich, wenn du sehen könntest, dass dein "Schäfchen" dir diesen Wunsch somit erfüllt hat.