Donnerstag, 20. April 2017
Loslassen
Fortan findet die Nachsorge in größeren Abständen statt. Erst im Herbst geht das ganze Theater wieder los: Blut zapfen, Ultraschall, Echokardie, EKG, Spirometrie. Ich kenne die Werte, nach denen sie schauen, so genau wie den Inhalt meiner Schafswestentasche. Ich weiß, wann es kritisch ist. Ich bin Doktor meines Krebses.
Die letzte Untersuchung, die Computertomographie, hat mich enorm gestresst. Drei Tage nach der Auswertung bin ich noch nicht wieder Herrin meiner Kräfte. Wochen vor der Nachsorge bereite ich mich mental auf dieses Ereignis vor. Ist der Schrecken vorbei, fühle ich mich wie Schafskotze. Dreimal ausgekotzte Schafkotze, wenn ich es genau nehme. Energetisch ausgelaugt und psychisch angeknackst. Ich brauche mindestens eine Woche um wieder sowas wie meine Mitte zu finden. Das ist genau der Punkt, der mich zur Weißglut bringt. Ich habe zwei Jahre gebraucht um mich von dem Trauma der Krebshölle zu erholen. Ich habe die vielen verstreuten Teile meines Ichs, mühselig zusammenflicken müssen und manche Stellen gar ersetzen, neu anpassen oder abändern müssen. Es war eine Menge Lernstoff für meine persönliche Entwicklung. Ziemlich ungefiltert, geballt und knüppelhart in sehr kurzer Zeit. Ich habe mich verloren und neu gefunden. Darauf bin ich stolz wie Bolle. Jeder Tag, den ich jetzt so intensiv und wertschätzend lebe, ist das Ergebnis harter Arbeit vergangener Monate meiner Krebskrise.
Umso mehr bekomme ich den Koller, wenn ich an die unnötigen Strahlen bevorstehender CT- Untersuchungen und das Angepiekse meiner narbigen Venen denke. Längst vergrabene Emotionen werden durch dieses Prozedere wieder hoch gekocht.
Ich bin gesund und ich spüre, dass ich es auch bleibe. Wenn ich einen Arzt brauche, weiß ich an wen ich mich vertrauensvoll wenden darf. Warum hört diese Folter dann nicht auf. Halten Nutzen und Schaden der Krebsnachsorge sich die Waage?
Davon abgesehen, hab ich die Nase voll von Krebs. Ich kann es weder hören noch lesen. Nicht mal mein eigenes geschriebenes Wort ertrage ich noch, wenn dieses Kackwort darin vorkommt. Ich möchte dieses Kapitel dort lassen wo es hingehört, nämlich in die Vergangenheit.
ICH BIN GESUND. Jawohl!!! Habt ihr's gehört?? Und ich BLEIBE GESUND.
Ich habe mein Leben längst wieder... Arbeite nun 30 Wochenstunden... Habe endlich meine Traumstelle gefunden... Kann mich selbst verwirklichen... Ich weiß was ich will, was mir gut tut und was mir schadet...Weiß, dass ich schwache Momente habe, aber auch eines, nämlich mein Leben im Griff und es gelingt mir sogar, es zu genießen. Ich bin eine Frau mit Eiern (lest hier mehr), klug, kreativ, attraktiv und hab das Herz am rechten Fleck. Was hier ein wenig nach Partnervermittlung klingt, ist das Ergebnis meines Kampfes. Ich lege mein Hoffnungsschwert beiseite, denn ich habe genug Schlachten geschlagen. Ich schließe ab mit meiner Krankheit. ICH LASSE LOS UND LEBE ♥
An dieser Stelle endet mein Blog. Der Dreckskerl im Schafspelz existiert nicht mehr. Wenn ich einen Schnupfen habe oder Fieber, dann ist es ein Bazillus, aber nie mehr Krebs. Ich habe Mr. Hodgkin eine menge Zeit gewidmet. Jetzt ist das Leben dran...die Liebe und die Lust :)
Wer meine Texte trotzdem gerne weiter lesen möchte, darf sich auf einen neuen Blog VORfreuen. Selbstverständlich hinterlasse ich meinen Lesern einen Link auf "Krebs im Schafspelz", sobald mein neues "Baby" auf der Welt ist.
Ein großes DANKESCHÖN an jeden einzelnen Schafsblogleser ♥
Forever "Mäh in black" :)
Mittwoch, 22. März 2017
Das Schaf, der liebe Gott und das große Ganze
Wer jetzt denkt: "Alter, die hört Stimmen-ist die noch ganz dicht?". Ich meine mit der Stimme mehr so eine Art "inneres Herzflüstern", das ich beständig wahrnahm. Es war so präsent wie mein Herzschlag in meiner Schafsbrust.
Ich nenne ihn übrigens Gott, weil ich ihn so kennengelernt habe. Jeder darf ihn nennen wie er mag. Für mich ist es Gott. Ich kann nur für mich sprechen und sagen: Gott war immer da. Er konnte nicht alles von mir abwenden, aber er hat mir die Gabe geschenkt, seine kleinen Wunder sehen zu können, die da am steinigen Weg für mich bereitet waren. Ich mag jetzt gar nicht alle aufzählen, möchte lediglich erwähnen, dass es sich um kleine, unscheinbare Gesten von Freunden, Familie oder Ärzten handelte. Besondere Begegnungen und Fügungen, die zwischen den Zeilen meiner Geschichte zu finden sind, gehören dazu.
Ich mag niemanden verurteilen, der sagt, dass es für ihn da niemanden gibt. Möglicherweise ist der Schmerz so groß, dass man da an keine gute, höhere Macht mehr glauben mag. Das ist auch verständlich. Wie bereits erwähnt, ich spreche hier für mich allein.
Manche nennen mich optimistisch. Ich glaube, ich habe einfach nur gelernt zu sehen. Natürlich habe ich auch Tage, an denen ich mich in schwarzer Schafswolle verstricke. An solchen Tagen bin ich eher blind und tapsig. Allerdings bin ich auch bloß ein Schaf und das ist schlicht und ergreifend menschlich...ähm, ich meine määähnschlich.
Sonntag, 19. März 2017
Schon wieder Nachsorge
Mama nahm mich gestern in den Arm und sagte: "Ich sehe das Unausgesprochene". "Mistdreckskackverfluchtesschaf", dachte ich... Wie macht sie das bloß jedes Mal? Mich ohne Vorwarnung zu durchschauen. Sie soll nicht sehen, was da hinter meiner Schutzschicht steckt. Meine Fassade hilft mir beim Starksein. Arbeit und emotionalen Privatkram unter einen Hut zu kriegen, ist nicht immer so leicht. Das geht den Menschen wie den Leuten. Da mag ich lieber ab und an eine Mauer um mich bauen und ein paar hübsche Kletterrosen drumrum setzen. Das ist manchmal leichter. Doch Mütter haben da den Röntgenblick. Mit zwei Buchstaben brachte sie meine Mauer zum Einsturz: "CT". Sonntag, 12. März 2017
3 Jahre Mr.Hodgkin
Freitag, 10. März 2017
Gebrochenes Herz
Samstag, 25. Februar 2017
Nasse Schafswolle
Freitag, 24. Februar 2017
Schätze auf Papier
Handbuch des Kriegers
Mittwoch, 15. Februar 2017
Frühjahrsputz
Sonntag, 5. Februar 2017
Von der Metapher eines Sauerbratens
"Das Leben ist schön. Von einfach war nie die Rede."
Sonntag, 29. Januar 2017
Das Monster in meinem Kopf
Manchmal scheint es so, als wäre es längst umgezogen, doch da reicht ein Ereignis in meinem Leben, das mich ins Wanken bringt und tadaaaa das Monster ist wieder da. Macht Krebs labil? Oder sind es Trennungsnachwehen seit die Sache mit Mr. Hodgkin aus ist? Verhält sich die Psyche grundsätzlich paradox nach solchen Krebsaffären? Diese innere Stärke auf der einen Seite, die gewaltige Verletzlichkeit dann wiederum, wenn da mal was nicht ganz so läuft... Geht das eine nicht ohne das andere? Ist das so eine Yin &Yang Sache? Ist es vielleicht schlichtweg das Leben und meine angeborene Sensitivität... Ist Monster vielleicht ein Abklatsch von Dr. Jeckyll und Mr. Hyde. So eine Art Doppelgänger mit wechselnden Gesichtern oder einfach Monsters stummer Schrei nach Liebe? Möglicherweise auch schlichtweg Hunger... Sollte ich mal ein "Snickers" rüberwachsen lassen und der Hunger ist gegessen?! Vielleicht denke ich zu kompliziert. Bestimmt brauchen Monster ganz grundlos Liebe und Aufmerksamkeit. Und wenn se das nicht bekommen, spielen se eben gerne Kreisel. So eine Art kindlicher Protest: "Und wenn du mich nicht lieb hast, dann kreisle ich so lange mit deinen Gedanken bis du's endlich schnallst".
Monster sein ist sicherlich nicht leicht. Ein schwarzes Schaf sein aber auch nicht. Vielleicht eine gute Basis für eine Freundschaft? Warum eigentlich nicht... Monster im Schafspelz.
Sonntag, 8. Januar 2017
Aus dem Nähkästchen einer Kämpferin
Sonntag, 1. Januar 2017
Ein Schaf aus der Provinz und das Jugendmagzin der ZEIT ONLINE
Es kommt irgendwann der Zeitpunkt, da will man mal wissen wie andere das so erleben mit den Giftcocktails und den vielen Nebenwirkungen. Zumindest ging es mir so, weshalb ich via Facebook auf andere Krebs-Blogger aufmerksam geworden bin. Luise von "Chemoelefant aka Klopsi gegen den Krebs" (siehe auch - Blogpost Ein trauriger Anfang) war mein erster virtueller Krebsikontakt. Seitdem hat sich mein Krebis-Netzwerk immer mehr erweitert. Auch Marie von Marie gegen Krebs ist jetzt ein wichtiger Kontakt für mich. Darüber hinaus die Leute, die ich während meiner Reha auf der Katharinenhöhe kennengelernt habe. Auch mein Blog gehört zu einer dieser Austauschmöglichkeiten.
Die ze.tt, das Jugendmagazin der ZEIT ONLINE interviewte Benni von "Canceling Cancer-Kein Weg zu weit" und mich zu diesem Thema. Lest selbst:
| Quelle: Fanny Kniestedt/ http://ze.tt/krebs-mit-anfang-20-so-schreiben-junge-blogger-ueber-ihre-krankheit/ |
Mittwoch, 14. Dezember 2016
Schlafschaf
Ich möchte allen Menschen mit Schlafstörungen da draußen Mut machen. Ich hatte meine Schlafmütze schon längst an den Haken gehängt. Weint so viele Tränen wie nötig, schreit, flucht und seid auch mal schwach. Das ist okay. Brüht euch euren Gute-Nacht-Tee auch weiterhin mit aller Konsequenz, auch wenn die juten Bergkräuter versagen. Aber mit jedem Teebeutel, den ihr ins Wasser taucht, habt ihr wenigstens noch eines, nämlich Hoffnung und ihr dürft hoffen, denn es wird besser. Irgendwann.
Euer Schlafschaf
| Mein persönliches "Schlafschaf"als Mitbringsel vom Erfurter Weihnachtsmarkt. Eine Art Erinnerung für mich, dass ein gesunder Schlaf nicht selbstverständlich ist. |
Sonntag, 27. November 2016
Glücksschäfchen
Ich habe alles was ich brauche um glücklich zu sein und viel schöner noch-ich weiß jetzt auch wie das funktioniert mit dem Glücklichsein! Dafür hat sich das alles gelohnt- jede Träne, all die Schmerzen, die Angst und auch die Wut. Ohne Schwarz kein Weiß. Ohne Regen kein Sonnenschein. Das Leben ist so schön, wenn man dem Ganzen nur ne Chance gibt.
Mr.Hodgkin war ein Arsch, aber er war mein bester Lehrer. Ich kann nicht sagen, dass es leichter ist, aber ich bin geschickter darin mit den Schwierigkeiten umzugehen. Und wer kann das schon von sich sagen, mit 24 Jahren? :)
Samstag, 15. Oktober 2016
Hab ich eigentlich schon mal DANKE gesagt?
Mittwoch, 12. Oktober 2016
Drei Betten am Meer
Ich verspürte das Bedürfnis nach einem kurzzeitigen Tapetenwechsel und vor allen Dingen nach Seeluft & nordischer Landschaft.
Ich suchte mir eine gemütliche Ferienwohnung in Backstein-Optik. Irgendwas mit viel Natur drumrum. Die bekam ich auch, inklusive zum Ferienhaus. Vor dem Fenster stand ein Birnenbaum. Die Früchte hingen malerisch an den kargen Ästen und der Herbstnebel schmiegte sich um die Krone des Baumes. Vereinzelt schienen ein paar Sonnenstrahlen durch das mittlerweile lichte Blattwerk. Welch tollen Kontrast ergaben die grazilen Strukturen des Birnenbaumes zum rustikalen Backstein!
Mein Urlaubsquartier besaß drei Schlafzimmer. Das war eigentlich nicht geplant, aber ich las mir die Beschreibung des Objekts im Voraus nur flüchtig durch. Es gab zumindest ordentlich Rabatt, weil ich allein anreiste. Ein wirklich tolles Preis-Betten-Verhältnis. Ich überlegte wie ich den Wohnraum in drei Tagen wohl am effektivsten nutzen konnte, weshalb ich mir vornahm jede Nacht ein anderes Bett zu testen. Es lief drauf hinaus, dass ich letztendlich doch immer auf der Couch vor dem Fernseher einschlief mit Kopfkissen und Zudecke aus Schlafzimmer 1. Das Sofa war einfach saumäßig bequem. Bequemer als alle drei Betten zusammen. Dicke Polster in knalligem Ampelrot. Hatte zwar was von Pornocouch-Optik, aber eben bequem.
Ich erwähnte ja bereits, dass ich in den Norden fuhr um meine Freundin Moni zu besuchen. Nun, ich bat Moni vor meiner Anreise um einen Gefallen. Ich wollte unbedingt ein Schaf streicheln und fragte sie nach einem Bauern mit wolligen Vierbeinern. Moni und ihre Frau Svenni nahmen meinen Wunsch sehr ernst. Sie setzen alles daran um mir diesen zu erfüllen. Svenni fragte Bauer Nomme: "Kennst du einen Bauern in Salem, der Schafe besitzt? Unser Besuch möchte gern ein Schaf streicheln". Nomme, völlig von den Socken, antwortete mit einem roten Fragezeichen-WhatsApp-Emoji und musste das wohl erstmal sacken lassen. Doch Svenni gab nicht nach und hakte nochmal nach, wild entschlossen mit der Mission: "Wir brauchen ein Schaf für Jule". Mit Erfolg!! Nomme nannte ihr ein, zwei Kontakte von Schafsbauern, sowie den genauen Sitz deren Herde. Svenni verband ihre morgendliche Walking-Runde mit einem Zwischenstopp an der besagten Schafskoppel und machte die flauschigen Vierbeiner ausfindig. Ich bin noch immer völlig verzückt vom Engagement meiner Freundinnen.
Am Nachmittag konnte ich dann gleich eine ganze Herde Heidschnucken sehen und einige Exemplare streicheln. Oh (m)hääääähhppy day ♥
Samstag, 8. Oktober 2016
Die Sache mit dem Mittelweg
Ein Stück Normalität und gleichzeitig Sicherheit für mich dieser Arbeitsalltag. Es ist ein Kampf, weil diese Klinikatmosphäre mich aufwühlt und ich am liebsten wegrennen will. Mein Herz schlägt ganz unkontrolliert, weshalb Betablocker im Moment in meiner Handtasche nicht fehlen dürfen. Habe doch die letzten Jahre genug in Arztpraxen und Krankenhäusern verbracht und begebe mich nun freiwillig jeden Tag dorthin. Gleichzeitig sehe ich darin eine Chance, weil ich mich meiner Angst jeden Tag aufs Neue stellen kann und die Erfahrung mache, dass ich jetzt in Sicherheit bin. Alle Schreckensbilder und Gefühle habe ich in einem Tresor verschlossen. Wahrscheinlich ganz unbewusst, denn ich kann mich nicht an den Code erinnern, mit dem ich diese gesichert habe. Auf jeden Fall muss ihn jemand geknackt haben, denn alles was ich fühle ist so real und bedrohlich wie damals. Doch die Frage ist nicht wie ich diesen Tresor wieder verschließe, sondern wie ich damit umgehe, dass alle in ihm verschlossenen Erinnerungen langsam ans Tageslicht treten. Manchmal möchte ich fliehen und mich verkriechen, aber ich gebe dem nicht nach. Ich habe beschlossen zu kämpfen und deshalb mache ich einfach weiter. Jeden Tag. Auch, wenn das mit Beton auf der Brust nicht so einfach ist. Doch ich sehe die kleinen Erfolge. Ich war nicht einmal krank seitdem ich meine neue Arbeit angetreten habe und immerhin habe ich schon über einen Monat durchgehalten.
Das Leben mit Krebs ist schwer, aber das Leben danach ist nicht wirklich leichter. Weil alle erwarten, dass man wieder normal wird und vor allen Dingen, weil ich das auch von mir selbst irgendwie erwarte. Es ist nicht immer leicht den Mittelweg zu nehmen. Ich meine nach vorn zu schauen und sich trotzdem die Zeit zu geben, um das Erlebte zu verarbeiten. Das Vergangene ist ein Teil von mir, aber es sollte nicht mein Leben bestimmen. Deshalb bleib ich morgens nicht im Bett liegen, sondern stehe auf, gehe auf Arbeit und nehme ab jetzt eben die Treppe anstelle des Aufzugs.
Sonntag, 25. September 2016
Visionen vom Dasein als flauschiges Schäflein
Mein Leben ist wirklich toll. Seit einem Monat wohne ich wieder in meiner neuen alten Heimat. Noch dazu bin ich frisch gebackene Besitzerin meiner ersten eigenen Wohnung, einer Zweiraum-Dachgeschosswohnung mit Einbauküche und Balkon. Fast schon ein bisschen spießig das alles. Aber im Alter steigen nun mal die Ansprüche. Ich hause in idyllischer Lage am hiesigen Stadtpark. Meine Wohnung ist überaus ruhig gelegen. Man könnte fast sagen, an diesem Fleckchen Erde kann Schaf alt und grau werden.
Wenn ihr denkt, ich hab nicht mehr zu bieten, dann wartet mal ab bis ich euch sage, dass ich seit September auch noch eine neue Stelle als Ergotherapeutin angetreten habe. Ich arbeite für 30 Stunden in einem Krankenhaus und versorge dort frisch operierte Patienten mit rheumatischen und orthopädischen Erkrankungen. Zusammenfassend könnte man sagen, ich habe mit 'ner Menge Rücken, fetten Schwellungen, triefenden Narben und 'n Haufen Verbandsmaterial zu tun. Wenn ich nicht im Krankenhaus mein Unwesen treibe, betreue ich im anliegenden Rehabilitationsbereich, Patienten mit neurologischen Erkrankungen. Ich helfe ihnen mit kleinen Tricks im Alltag wieder eigenständig zurecht zu kommen. Das ist hauptsächlich anstrengend und man muss eine Menge Geduld aufbringen, aber ich mache es wirklich gern. Ich glaube ich bin auch ziemlich gut darin.
Man könnte fast sagen, ich habe bilderbuchmäßig mein Happyend bekommen. Jetzt nach beinahe drei Jahren gänzlicher Hodgkinfreiheit. Doch da man erst von "Happyend"sprechen kann, wenn tatsächlich etwas beendet ist, ist die Wortwahl "Happyend" dann doch nicht so trefflich. Das Ende ist der Tod. Zumindest in diesem Leben. Und wo man lebt, da gibt es Veränderung und jede neue Veränderung bringt neue Herausforderungen mit sich. Die eine mehr als die andere. Bei mir scheinbar immer grundsätzlich mehr.
Für mich ist es ein großer Schritt wieder am Arbeitsleben teilzuhaben. Lange Zeit glaubte ich nicht widerstandsfähig genug zu sein um in der rauen Arbeitswelt mitmischen zu können. Mein Selbstvertrauen war nur noch erbsengroß. Es ist durch die Therapien geschrumpft wie die Tumore in meinem Körper. Ich glaubte nicht mehr an mich. Wie sollte es da möglich sein noch an Karriere zu denken? Doch eine Reha, jede Menge Psychotherapie, Gespräche bei Kaffee und Bier mit Freunden, gaben mir meinen Glauben an mich selbst zurück. Besonders Erstes und Letzteres halfen mir wieder auf die Beine. Ich bin viele Umwege gegangen und habe viel ausprobiert, zuletzt das Abenteuer Auswanderung in den Westen. Ich hatte mehrere Findungskrisen, doch gefunden habe ich mich noch längst nicht. Ich mache da bloß keine Krise mehr draus und ich habe auch echt keen Bock mehr nach mir zu suchen. Im Versteckspielen war ich eigentlich auch noch nie wirklich der Bringer. Was nicht heißen soll, dass ich keine guten Verstecke fand, sondern vielmehr, dass ich mich stets mehr bemühen musste als meine Räuberkumpels, die Versteckten zu finden. Ich bin also von Natur aus kein Talent im Finden.
Auf jeden Fall habe ich eine turbulente Zeit hinter mir und ich wünsche mir nichts sehnlicher als allmählich langsam einmal zur Ruhe zu kommen. Umzugskartons und Vorstellungsgespräche, Arztbesuche und Therapiesitzungen, all das macht ziemlich müde. Neue Herausforderungen sind im Moment für mich gestrichen. Ich will ankommen, wenigstens für eine kurze Zeit. Wenigstens eine Verschnaufpause einlegen und nicht immer stark sein müssen. Ich dachte, dies wäre jetzt die perfekte Gelegenheit dafür, nachdem ich mich in Arbeit und Wohnung eingelebt habe. Doch es kommt immer anders und eigentlich hätte ich es wissen sollen. Aber wie immer, war ich auch diesmal drauf nicht vorbereitet.
Es begann vor etwa zwei Wochen. Mein Wecker klingelte 5 Uhr. Ich lag im Bett und wollte aufstehen. Doch es funktionierte nicht. Da ging etwas seltsames in mir vor. In meinem Kopf liefen Bilder in einer Schnelligkeit auf und ab, sodass meine Gefühle keine Chance hatten dieser Geschwindigkeit nachzukommen. Ich lag versteinert auf meiner Matratze, krallte mich mit einer Hand am Laken fest und weinte. Ich fühlte mich nicht sicher, wollte mich am liebsten in meinem Federbett verstecken. Wie früher als Kind vor den Monstern unter meinem Bett. Ich dachte an Infusionsständer, Venenzugänge und das Brennen im Arm. Ich fühlte Ohnmacht und Todesangst. Plötzlich hörte ich wieder das Piepen der Maschinen. Der penetrante Geruch des Desinfektionsmittels lag in meiner Nase. Alles wirkte so real. Als wäre ich in die Vergangenheit gereist. Ich leide schon seit über zwei Jahren an schlimmen Albträumen und ich nehme jede Nacht ein Medikament, ohne das ich längst nicht mehr einschlafen kann, aber das hier ist neu. Und ich habe Angst. Dieses Szenario wiederholt sich beinahe täglich und es dringt auch tagsüber in kleinen Dosen zu mir durch. Da reicht eine Erinnerung an die Krankenhaushölle. Das Geräusch beim Pumpen am Desinfektionshalter, die rosa Flexüle am Arm meines Patienten, das Geklapper der Wagen auf den Stationen oder eine Kochsalzlösung am Infusionsständer. Ich kann die Bilder verdrängen, aber je doller ich dagegen ankämpfe, desto präsenter werden sie. Es baut sich eine gewaltige Anspannung in mir auf. Ich denke daran mit dem Rauchen anzufangen. Ich habe zeitweise das Bedürfnis von einem Lastwagen überrollt zu werden, denn das scheint mir angemessen, um das was in mir vorgeht, verhältnismäßig einzudämmen. Doch da Gewalt wie immer keine Lösung ist, sollte ich darüber nachdenken wie ich mit der ganzen Einhornkotze in meinem Gehirn am besten umgehe. Denn nicht mal Yoga hilft da gerade noch.
Manchmal frage ich mich ob es tatsächlich nur sieben Brücken sind über die wir in unserem Leben gehen müssen. Das ist bestimmt nur ein Durchschnittswert, den ich mit Sicherheit schon längst überschritten habe. In meinem Badezimmer hängt eine Postkarte auf der steht: "Ich brauche keinen Sex. Das Leben fickt mich jeden Tag.". Das beschreibt wohl meinen derzeitigen Gemütszustand recht gut. In einer Sache bin ich mir jedoch sehr sicher. Wir bekommen nie mehr aufgebürdet als wir letztendlich schaffen können und wenn es erforderlich ist, dann bums ich das Leben eben mal kräftig zurück. Denn aufgeben is nicht. Mäh! Das ist mein Leben und ich lass mich nicht vergewaltigen. Vielleicht wird dieses Starksein auch irgendwann zur Gewohnheit. Herkules hat's schließlich auch gewuppt. Vielleicht wird es nicht leichter, aber ich werde stärker. So eine richtige Kampfsau mit 1 Meter 57.
Diese Woche habe ich meine Krebsnachsorge. Mittels Ultraschall und Röntgen wird geschaut ob die die Krebszellen noch brav Winterschlaf halten. Das sollten sie in jedem Fall. So viele Schlaftabletten wie ich konsumiere, dürften die für den Rest meines Lebens friedlich schlummern. Trotzdem darf jeder der will ganz unverfänglich gerne die Daumen drücken. Die Kampfsau will nämlich manchmal einfach nur ein flauschiges Schäflein sein.
Samstag, 17. September 2016
Blacksheep92, undercover:
Freitag, 29. Juli 2016
Platz lassen für Wunder
WARUM ICH? Ich würde mit Sicherheit im Selbstmitleidssumpf versinken, würde ich nach dem Grund suchen, weshalb es ausgerechnet mich getroffen hat und nicht den Kettenraucher von nebenan. Sollte man dieser Frage grundsätzlich aus dem Weg gehen, weil sie ohnehin zu nichts führt? Rational gesehen wahrscheinlich schon. Doch ausgerechnet heute konfrontiere ich mich mit diesen fünf niederschmetternden Buchstaben: WARUM...
Ich parke mein grünes Auto auf dem kostenpflichtigen Parkplatz vor dem Medizinischen Versorgungszentrum in Delitzsch (MVZ) und löse wie immer keinen Parkschein (Das ist meine Rebellion gegen die viel zu hohen Gebühren). Die Tür am Eingang öffnet sich immer etwas verzögert, dafür automatisch beim Berühren des Türknaufs. Ich trete ein und verschaffe mir einen kurzen Überblick in der Eingangshalle. Vielleicht ist ein bekanntes Gesicht dabei? Links von mir befindet sich der Fahrstuhl, davor steht eine kleine Menschenschlange. Ich winde mich vorbei und gehe die Treppe hinauf. Der Bodenbelag ist immer etwas glatt, deshalb passe ich heute besonders auf, denn ich trage Sandalen ohne Profil, einen soliden Frauenschuh von der Marke "Tamaris" oder so...
Meist kommt mir jemand im humpelnden Gang oder mit einer Schiene irgendwo befestigt,entgegen, Patienten aus der Chirurgie, erste Etage. Ab und zu tappst auch ein Kind die Stufen hinab...immer ein Bein versetzt, Stufe für Stufe mit der Mama im Hintergrund, aus der Kinderarztpraxis kommend.
Ich nehme jedes Detail im Treppenaufgang wahr, jedes Geräusch und jede Veränderung. Auch nach zwei Jahren Krebsfreiheit habe ich noch immer ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, wenn ich die Treppe zur Onkologie hinauf gehe. Bei meinem ersten Arztbesuch im MVZ, gerade den ersten Chemozyklus hinter mir, war ich noch auf den Fahrstuhl angewiesen. Und selbst Fahrstuhl fahren war damals schon ein Akt für mich. Jetzt funktioniert es wieder. Jeder Schritt ist federleicht. Keine Atemnot, kein Schwindel, keiner vom Gegenverkehr, der mich mitleidig anglotzt, weil meine Kopfbedeckung verrät zu welcher medizinischen Abteilung ich gehöre.
Zweite Etage, Onkologie. Ich lehne mich gegen die schwere Eingangstür. Eine Schwester kommt mir entgegen und schenkt mir ein freundliches Lächeln. Es sind sehr vertraute Gesichter in die ich schaue, wenn ich zum großen Tresen an die Anmeldung gehe. Für mich ist der Gang längst nicht mehr schlimm- im Gegenteil, für mich ist es ein angenehmes Gefühl meine Lebensretter dort anzutreffen.
"Huhu",höre ich ein freundliches Stimmchen rufen. Ich drehe mich um und sehe meine Krankenschwester Ina, die ich sofort umarmen möchte, deren Arme jedoch gerade voll beladen sind. Sie dreht geschwind um in einen Nebenraum um die Sachen in ihrer Hand kurz mal abzustellen. Dann kommt sie zurück und nimmt sich Zeit für eine herzliche Umarmung. Gegenüber vom Anmeldebereich ist der Eingang zum Wartezimmer. Dort stehe ich zwischen Tür und Angel, während ich drei Worte mit meiner Ina wechsle. Ein freundliches "Hallo" folgt von allen Seiten. Ich muss dazu sagen, Wartebereiche in der Onkologie sind alle etwas anders im Vergleich zu den üblichen Zimmern, in denen man sonst lange Wartezeiten verbringt. Die Patienten sind in der Regel sehr offen. Hier und da kommt man miteinander ins Gespräch. Es wird nur selten gejammert. Die Meisten sind optimistisch gestimmt, erfreuen sich an den positiven Dingen des Alltags und bauen einander auf. Zudem sind sie, zumindest in den meisten Fällen, längst geübt im Aushalten langer Wartezeiten. Einige Gesichter sind mir noch vertraut, fällt mir auf, während ich meinen Blick kurz von Ina abwende.
Ich erkenne ein bekanntes Gesicht-eine Frau, die einmal neben mir in der Chemo-Suite saß. Es besteht jedes Mal gleich eine Verbindung zwischen uns, wenn wir uns sehen. Gemeinsam Cocktails trinken, schweißt eben doch zusammen, auch wenn es sich in diesem Fall um schwermetallhaltige Cocktails handelte. Auf die Frage wie es ihr geht, antwortet sie: "Nicht so gut. Sie haben wieder was gefunden. Eigentlich hatte ich nur Bauchschmerzen.". Für einen Moment schauen wir uns einfach bloß an und sagen uns damit mehr als Worte es jemals zum Ausdruck bringen könnten. Und genau in diesem Moment stelle ich mir die Frage- WARUM ICH? Allerdings frage ich mich nicht- Warum ich Krebs-du kein Krebs....sondern ich frage mich- Warum bin ich jetzt gesund? Warum hatte ich Glück und andere nicht? Wieso, weshalb, warum diese liebe Frau? Wieso bekommen manche immer wieder Krebs und andere nur einmal? Warum darf ich leben und andere streben an dem Scheiß? Und gleichzeitig erkenne ich, dass es einfach unglaublich schnell gehen kann. Eben mal hat einer Bauchschmerzen und da ist es- das Rezidiv.
Einmal Krebs haben lässt sich ja vielleicht gerade noch so verkraften, aber zwei mal oder gar mehrfach ist definitiv zu viel verlangt. Wenn das ein Teil von Gottes großem Plan sein soll, dann möchte ich hiermit offiziell Beschwerde einreichen beim großen Chef persönlich.
Es ist schlimm einen Tumor zu haben, aber mindestens genauso schlimm empfinde ich es mit anzusehen wie Mitstreiter erneut erkranken oder sich im Kampf gegen den Krebs geschlagen geben müssen.
So viele Gedanken überhäufen mich in den Räumen der Onkologie. An diesem Ort schaue ich zurück und gleichzeitig nach vorn. Ich fühle den Schmerz der Vergangenheit, aber auch die Freude auf die Zukunft und die Wunder zwischendurch. Bei all der Fragerei nach dem Sinn und der Gerechtigkeit, wird mein Herz auch jedes Mal mit großer Dankbarkeit durchflutet, weil ich mir immer wieder Zeit nehme um auf die vielen kleinen Wunder zu schauen, die ganz nebenbei passieren... Angefangen bei den Krankenschwestern, die mich anlächeln, sich sogar Zeit nehmen für eine Umarmung, die Patienten im Warteraum, die trotz ihrer quälenden Therapien anderen versuchen Mut zu machen, die enge Verbindung zwischen zwei Leidensgenossen am Infusionsständer und das erleichternde Gesicht eines Patienten, wenn er aus der Sprechstunde kommt und seine Befunde unauffällig waren. All das passiert dazwischen. Es findet kaum Beachtung, aber es sind die Dinge, die die ganze Situation erträglich werden lassen. Vielleicht kann Mister Gott nicht immer alles von uns fernhalten, aber er gibt uns immerhin die Chance die kleinen Wunder zu erleben. Ob mit oder ohne Krebs- dafür sollten wir immer noch ein bisschen Platz lassen in unserem Leben.



