Donnerstag, 20. April 2017

Loslassen

Am Dienstag hatte ich die Auswertung meiner CT-Untersuchung. Das Ergebnis: keine Anzeichen auf neues Tumorwachstum!!! :)

Fortan findet die Nachsorge in größeren Abständen statt. Erst im Herbst geht das ganze Theater wieder los: Blut zapfen, Ultraschall, Echokardie, EKG, Spirometrie. Ich kenne die Werte, nach denen sie schauen, so genau wie den Inhalt meiner Schafswestentasche. Ich weiß, wann es kritisch ist. Ich bin Doktor meines Krebses.

Die letzte Untersuchung, die Computertomographie, hat mich enorm gestresst. Drei Tage nach der Auswertung bin ich noch nicht wieder Herrin meiner Kräfte. Wochen vor der Nachsorge bereite ich mich mental auf dieses Ereignis vor. Ist der Schrecken vorbei, fühle ich mich wie Schafskotze. Dreimal ausgekotzte Schafkotze, wenn ich es genau nehme. Energetisch ausgelaugt und psychisch angeknackst. Ich brauche mindestens eine Woche um wieder sowas wie meine Mitte zu finden. Das ist genau der Punkt, der mich zur Weißglut bringt. Ich habe zwei Jahre gebraucht um mich von dem Trauma der Krebshölle zu erholen. Ich habe die vielen verstreuten Teile meines Ichs, mühselig zusammenflicken müssen und manche Stellen gar ersetzen, neu anpassen oder abändern müssen. Es war eine Menge Lernstoff für meine persönliche Entwicklung. Ziemlich ungefiltert, geballt und knüppelhart in sehr kurzer Zeit. Ich habe mich verloren und neu gefunden. Darauf bin ich stolz wie Bolle. Jeder Tag, den ich jetzt so intensiv und wertschätzend lebe, ist das Ergebnis harter Arbeit vergangener Monate meiner Krebskrise.

Umso mehr bekomme ich den Koller, wenn ich an die unnötigen Strahlen bevorstehender CT- Untersuchungen und das Angepiekse meiner narbigen Venen denke. Längst vergrabene Emotionen werden durch dieses Prozedere wieder hoch gekocht.

Ich bin gesund und ich spüre, dass ich es auch bleibe. Wenn ich einen Arzt brauche, weiß ich an wen ich mich vertrauensvoll wenden darf. Warum hört diese Folter dann nicht auf. Halten Nutzen und Schaden der Krebsnachsorge sich die Waage?

Davon abgesehen, hab ich die Nase voll von Krebs. Ich kann es weder hören noch lesen. Nicht mal mein eigenes geschriebenes Wort ertrage ich noch, wenn dieses Kackwort darin vorkommt. Ich möchte dieses Kapitel dort lassen wo es hingehört, nämlich in die Vergangenheit.
ICH BIN GESUND. Jawohl!!! Habt ihr's gehört?? Und ich BLEIBE GESUND.

Ich habe mein Leben längst wieder... Arbeite nun 30 Wochenstunden... Habe endlich meine Traumstelle gefunden... Kann mich selbst verwirklichen... Ich weiß was ich will, was mir gut tut und was mir schadet...Weiß, dass ich schwache Momente habe, aber auch eines, nämlich mein Leben im Griff und es gelingt mir sogar, es zu genießen. Ich bin eine Frau mit Eiern (lest hier mehr), klug, kreativ, attraktiv und hab das Herz am rechten Fleck. Was hier ein wenig nach Partnervermittlung klingt, ist das Ergebnis meines Kampfes. Ich lege mein Hoffnungsschwert beiseite, denn ich habe genug Schlachten geschlagen. Ich schließe ab mit meiner Krankheit. ICH LASSE LOS UND LEBE ♥

An dieser Stelle endet mein Blog. Der Dreckskerl im Schafspelz existiert nicht mehr. Wenn ich einen Schnupfen habe oder Fieber, dann ist es ein Bazillus, aber nie mehr Krebs. Ich habe Mr. Hodgkin eine menge Zeit gewidmet. Jetzt ist das Leben dran...die Liebe und die Lust :)
Wer meine Texte trotzdem gerne weiter lesen möchte, darf sich auf einen neuen Blog VORfreuen. Selbstverständlich hinterlasse ich meinen Lesern einen Link auf "Krebs im Schafspelz", sobald mein neues "Baby" auf der Welt ist.

Ein großes DANKESCHÖN an jeden einzelnen Schafsblogleser ♥

Forever "Mäh in black" :)




Mittwoch, 22. März 2017

Das Schaf, der liebe Gott und das große Ganze

Ich wurde häufig gefragt, ob ich noch an Gott glauben kann, nachdem der Krebs im Schafspelz zu mir kam. "Hm, ich verstehe die Frage nicht", war dann meine Antwort.

Ist es Gott, der für das Leid sorgt? Ist es seine Absicht, alles Leid von uns abzuwenden oder hat auch der Schmerz seine Berechtigung in unserem Leben? Ergäbe das große Ganze dann noch Sinn, würde er uns vor allem Bösen beschützen? Hat Mama mich vor allem beschützen können und liebt sie mich deshalb weniger, weil sie es nicht immer konnte? (Das gleiche gilt übrigens für Papa.)  Ich weiß es nicht. Ich bin weder Gott, noch das große Ganze und erst recht nicht meine Mama (ganz zu schweigen von Papa). Aber ich habe ein Gefühl. Das Gefühl war wie ein kleiner Lichtstrahl, der auch am Abgrund noch hell flimmerte und mir flüsterte: "Du bist nicht allein. Ich halte dich."

Wer jetzt denkt: "Alter, die hört Stimmen-ist die noch ganz dicht?". Ich meine mit der Stimme mehr so eine Art "inneres Herzflüstern", das ich beständig wahrnahm. Es war so präsent wie mein Herzschlag in meiner Schafsbrust.

Ich nenne ihn übrigens Gott, weil ich ihn so kennengelernt habe. Jeder darf ihn nennen wie er mag. Für mich ist es Gott. Ich kann nur für mich sprechen und sagen: Gott war immer da. Er konnte nicht alles von mir abwenden, aber er hat mir die Gabe geschenkt, seine kleinen Wunder sehen zu können, die da am steinigen Weg für mich bereitet waren. Ich mag jetzt gar nicht alle aufzählen, möchte lediglich erwähnen, dass es sich um kleine, unscheinbare Gesten von Freunden, Familie oder Ärzten handelte. Besondere Begegnungen und Fügungen, die zwischen den Zeilen meiner Geschichte zu finden sind, gehören dazu.

Ich mag niemanden verurteilen, der sagt, dass es für ihn da niemanden gibt. Möglicherweise ist der Schmerz so groß, dass man da an keine gute, höhere Macht mehr glauben mag. Das ist auch verständlich. Wie bereits erwähnt, ich spreche hier für mich allein.

Manche nennen mich optimistisch. Ich glaube, ich habe einfach nur gelernt zu sehen. Natürlich habe ich auch Tage, an denen ich mich in schwarzer Schafswolle verstricke. An solchen Tagen bin ich eher blind und tapsig. Allerdings bin ich auch bloß ein Schaf und das ist schlicht und ergreifend menschlich...ähm, ich meine määähnschlich.

Sonntag, 19. März 2017

Schon wieder Nachsorge


Mama nahm mich gestern in den Arm und sagte: "Ich sehe das Unausgesprochene". "Mistdreckskackverfluchtesschaf", dachte ich... Wie macht sie das bloß jedes Mal? Mich ohne Vorwarnung zu durchschauen. Sie soll nicht sehen, was da hinter meiner Schutzschicht steckt. Meine Fassade hilft mir beim Starksein. Arbeit und emotionalen Privatkram unter einen Hut zu kriegen, ist nicht immer so leicht. Das geht den Menschen wie den Leuten. Da mag ich lieber ab und an eine Mauer um mich bauen und ein paar hübsche Kletterrosen drumrum setzen. Das ist manchmal leichter. Doch Mütter haben da den Röntgenblick. Mit zwei Buchstaben brachte sie meine Mauer zum Einsturz: "CT".                                                                                         
Dann hab ich mir gedacht, dass es gut ist, dass die Mauer da nicht länger steht. Es atmet sich gleich viel leichter, ohne diese dicke Schutzschicht. Die Tränen sind auch raus. Da ist dann wieder Platz für ein Lächeln und die Zuversicht, dass beim CT alles gut gehen wird... 

Im April werde ich wieder durchleuchtet. Sie schallen meine Organe und machen ein CT von Brustkorb und Hals. Nur noch zwei Jahre, dann kann ich endlich von Heilung sprechen!! Darauf trink ich jetzt ein Bier :)



Sonntag, 12. März 2017

3 Jahre Mr.Hodgkin

März 2014. Seit drei Jahren mit der Diagnose, aber immer noch da :) 
Fuck you cancer  life !


In drei Jahren war viel los. Hier mal eine kleine Zusammenfassung, was Schaf geschaaafft hat:

- 4 Zyklen Chemo
- 17 Bestrahlungen
- 4 Wochen Reha in Boltenhagen
- 3 Monate teilstationäre Psychotherapie 
- Praktikum im Kinderhospiz & im Krankenhaus
- 4 Wochen Reha Katharinenhöhe im Schwarzwald
- Umzug nach Nürtingen & Einzug in WG
- erste Arbeitstelle nach Mr.Hodgkin
- Rückzug in meine Heimat  
- Einzug in meine erste eigene Wohnung
- 6 Monate Arbeit in Bad Düben
- neue Arbeit in Leipzig

...und noch ne Menge zwischen den Zeilen...

 

Freitag, 10. März 2017

Gebrochenes Herz

Die letzten Tage waren grau... Ich habe unendlich viele Tränen vergossen. Mein Opa ist verstorben und meine geliebte Omi musste nun in ein Heim ziehen. Der Gedanke, dass sie so viel verloren hat, innerhalb einer Woche, lässt mein Herz bluten. Omi hab ich viel zu verdanken. Ihre Leidenschaft fürs Schreiben hat mich immer inspiriert. Ich lese ihre Geschichten und Gedichte so unheimlich gerne und versinke so manches Mal zwischen den Zeilen ihrer Vergangenheit. Ihre Geschichten machen mich stolz, weil sie mir zeigen, was meine Omi  für eine starke Frau war und ist. Ich möchte heute ein Gedicht von ihr zitieren. Denn auch in Sachen Liebe haben wir so manche Parallelen. Die Verliebtheit kommt und geht. Was bleibt, ist die Familie und die Liebe zueinander. Sowie das starke Band zwischen Freunden, das allen Stürmen standhält. Dafür bin ich ihr, meinen Eltern und tollen Freunden unendlich dankbar! ♥


Als ich achtzehn war, liebte ich dich.
Es war eine Liebe ohne Grenzen.
Einmalig.
Bedingungslos.
Schön.

Träumten uns in eine Märchenwelt,
wo das Lachen regiert.
Problemlos.
Sorglos.
Heiter.

Unsere Sinne wie berauscht.
Vergessen sind Raum und Zeit.
Nur die Stunden und Tage mit dir zählen.
Alles andere ist bedeutungslos.
Für mich!

Im Kurpark sehe ich euch.
Die Fremde und dich.
Aneinander geschmiegt.
Zärtlich.
Wie eine Seifenblase zerplatzt meine kleine Welt.

Nie waren meine Tränen so bitter wie in dieser Nacht.

Renate Bartsch




Samstag, 25. Februar 2017

Nasse Schafswolle

Es gibt dicke Schafe, dünne Schafe, schwarze Schafe, braune Schafe, weiße Schafe, Schafe mit langer glatter Wolle und gelockte Schafe. Mit Sicherheit auch Schafskreuzungen. Jedes Schaf hat Stärken und Schwächen und besondere Eigenheiten. Manchmal dreht auch eins durch oder verschwindet einfach. Sicher ist, da wo viele Schafe zusammen sind, kann auch viel passieren. Die übliche Gruppendynamik in Schafsherden eben. Da ist es oft nicht so leicht als Einzelschaf das innere Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Da passieren Fehler und man ist zeitweise ziemlich doof und unfair, weil Schaf gerade die eigene Wolle mit fremder Wolle vermischt hat, obwohl es sich erstmal um seine eigne Wollpflege hätte kümmern sollen. Ich nenne es den schwarzen Schafstunnelblick, der üble Folgen hat, wenn man aus seinem Blickwinkel heraus, versucht Probleme zu lösen. Dann leiden zuerst die Lieblingsschafskumpels, weil die eben am nähsten dran sind. Vor allem das Schaf selbst, weil es sich folglicherweise  die Schuld nicht verzeihen kann. Da ist es dann so, dass das Schaf von einer Matschpfütze in die nächste tritt...ganz hibbelig und ungeduldig, weil es Angst hat den Fehler nicht mehr gut machen zu können. Dabei sollte es zunächst in aller Ruhe eine grüne Stelle mit Gänseblümchen aufsuchen und dann schauen, was da alles im eignen Wollekleid festhängt...was es so doof hat werden lassen. Zwischendurch sollte Schaf sich mit einem Gänseblümchen belohnen, weil es sich getraut hat, an die eigene Wolle zu fassen. Plötzlich erkennt es, dass da auch noch alte Verletzungen unter der Wolle sind, die Schaf mit sich herumschleppt. Verletzungen, die wieder aufgeschubbelt wurden, weil es so nah an den anderen Schafen dran war. Je lieber man ein anderes Schaf hat, desto näher ist man auch dran und da ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass die alten noch nicht vollständig verheilten Wunden wieder aufgehen, die vorher gut geschützt unter der dicken wolligen Schicht ruhten. Das tut unglaublich weh, wenn da eine Stelle wieder aufgeht. Was da wie Blut und Wundflüssigkeit aus der Schafshaut tritt, sind Selbsthass, Ängste und Schuldgefühle aus längst vergangenen Zeiten. Da reicht manchmal ein einfaches Pflaster nicht. Die Gefühle brodeln dann wie ein heftiges Gewitter über dem Schäfchen. Es muss sich zunächst neu orientieren und schauen wie es wieder ins Trockene kommt. Manchmal braucht es dann ein paar treue Schafskumpels um sich, die die Macke des schwarzen Schäfchens bereits kennen und die ihm ab und an ein wenig dabei helfen die Wolle zu föhnen. Nasse Wolle ist schwere Wolle. Liebevolle Föhnluft kann dann wirklich entlastend sein für die vier Schafsbeine. Ein wenig frische Frühlingsluft und Zeit trocknen auch noch den Rest. Dann hält auch das Pflaster wieder und die Wunde kann in Ruhe heilen. Es kann nicht erwarten, dass die anderen Schafe es noch gern haben, nachdem es sie so verletzt hat, aber es hofft, dass sie ihm zumindest irgendwann verzeihen.


Freitag, 24. Februar 2017

Schätze auf Papier

Beim Durchstöbern alter Briefe und Postkarten fand ich gerade eine Karte von meinem Schwesterherz, mit einem Zitat von Paulo Coelho. 

Ich möchte es gerne mit euch teilen:


Handbuch des Kriegers


Weil er an Wunder glaubt,
geschehen auch Wunder.

Weil er sich sicher ist,
dass seine Gedanken sein Leben verändern können,
verändert sich sein Leben.

Weil er sich sicher ist,
dass er der Liebe begegnen wird,
begegnet ihm diese Liebe auch.

Paulo Coelho

Ich mag es so gerne, wenn mir solche Schätze in die Hände fallen. Schätze sind es für mich deshalb, weil Glück und Liebe auf einem Stück Papier für einen Augenblick, Vollkommenheit finden. 

Mittwoch, 15. Februar 2017

Frühjahrsputz

Ich habe Sonnenweh. Die graue Suppe da draußen macht mich matschig und ich möchte endlich wieder grüne Knospen an den Bäumen sehen, auf meinem Balkon ein Bierchen trinken, während mich Sonnenstrahlen an der Nase kitzeln. Noch ist kein Frühling, aber ich habe schon mal vorgesorgt. Heute war großes Möbelrücken und Staubwischen im Schafsstall angesagt. Lediglich dem Weberknecht über meinem Bücherregal hab ich noch ein paar Weben gelassen, damit er sich auch weiter bei mir heimisch fühlt. Es ist Luft im Kleiderschrank, die Krümel unter meinem Sofa sind verschwunden und mein Schuhregal hat Nachwuchs bekommen, weshalb auch dort die Bretter mal gründlich gereinigt wurden. Meine Wohnung ist startklar. Ich bin es auch, denn ich war endlich mal wieder beim Friseur. Das Äußere stimmt also. Die nächste Erneuerung findet in meinem Berufsalltag statt. Ich habe einen neuen Arbeitsplatz. Juhuuuu!! Einen, der besser zu mir passt als der vorherige und ich bin voller Vorfreude auf diese Veränderung. Alles neu macht nicht nur der Mai, sondern auch das Schaf. Es wird alles gut, nicht bloß am Ende, sondern schon mittendrin.


Sonntag, 5. Februar 2017

Von der Metapher eines Sauerbratens

Eben noch gab es olles Toast zum Frühstück (Das letzte Stück aus der Verpackung mit dem harten Rand...). Plötzlich sitze ich in einer Gaststätte und esse Sauerbraten mit Klößen. Mit einer Flasche Riesling im Fahrradkorb kehre ich zurück in meine Wohnung. Das war so nicht geplant, aber ich freue mich, dass es so gekommen ist und nicht anders. Eine gute Freundin von mir sagte mal: "Wir kriegen nicht immer das was wir wollen, aber immer das was wir brauchen." Ob ich nun zwangsweise den Sauerbraten nötig hatte, darüber lässt sich jetzt streiten. Dasselbe gilt auch für den Riesling. Hier steht das Stück Fleisch eher für eine der Chancen im Leben, die wir bekommen können, wenn wir sie wahrnehmen. Ich bin manchmal blind für diese Chancen, aber werde trotzdem immer besser im Erkennen. Schließlich haben wir nur begrenzt Zeit und sollten öfters handeln als hundert mal Pro & Contra abzuwägen. Einfach auf's Bauchgefühl vertrauen und ausprobieren. Wenn es schief geht, bügelt es das Leben eben wieder glatt. Es bietet nämlich mehr als nur ein schrumpliges Stück Toastbrot!


"Das Leben ist schön. Von einfach war nie die Rede."

         (Michelli)

Sonntag, 29. Januar 2017

Das Monster in meinem Kopf

In meinem Kopf lebt ein Monster. Es hat ein ganzes Stockwerk bezogen und sich gemütlich eingerichtet. Irgendwo zwischen meinen Neuronen macht es sich ein tolles Leben. Selbstzweifel und Ängste sind Monsters Leibspeise. Negativität ist sein Grundnahrungsmittel und je mehr es davon bekommt, desto mehr Energie verliere ich. Es liebt meine Albträume und verscheucht mein Schlafschaf. Nachts spielt es gerne mit einem Kreisel, der in Endlosschleife um seine Achse rotiert, bis ich irgendwann vor Erschöpfung einschlafe. Wenn Monster dick und rund ist, blockiert es mit seinem Kugelbauch meine Gedanken und ich fühle mich leer. Je dicker das Monster, desto größer die innere Leere.

Manchmal scheint es so, als wäre es längst umgezogen, doch da reicht ein Ereignis in meinem Leben, das mich ins Wanken bringt und tadaaaa das Monster ist wieder da. Macht Krebs labil? Oder sind es Trennungsnachwehen seit die Sache mit Mr. Hodgkin aus ist? Verhält sich die Psyche grundsätzlich paradox nach solchen Krebsaffären? Diese innere Stärke auf der einen Seite, die gewaltige Verletzlichkeit dann wiederum, wenn da mal was nicht ganz so läuft... Geht das eine nicht ohne das andere? Ist das so eine Yin &Yang Sache? Ist es vielleicht schlichtweg das Leben und meine angeborene Sensitivität... Ist Monster vielleicht ein Abklatsch von Dr. Jeckyll und Mr. Hyde. So eine Art Doppelgänger mit wechselnden Gesichtern oder einfach Monsters stummer Schrei nach Liebe? Möglicherweise auch schlichtweg Hunger... Sollte ich mal ein "Snickers" rüberwachsen lassen und der Hunger ist gegessen?! Vielleicht denke ich zu kompliziert. Bestimmt brauchen Monster ganz grundlos Liebe und Aufmerksamkeit. Und wenn se das nicht bekommen, spielen se eben gerne Kreisel. So eine Art kindlicher Protest: "Und wenn du mich nicht lieb hast, dann kreisle ich so lange mit deinen Gedanken bis du's endlich schnallst".

Monster sein ist sicherlich nicht leicht. Ein schwarzes Schaf sein aber auch nicht. Vielleicht eine gute Basis für eine Freundschaft? Warum eigentlich nicht... Monster im Schafspelz.


Sonntag, 8. Januar 2017

Aus dem Nähkästchen einer Kämpferin

Warten wird zur Disziplin.
Gesundheit, welch' Triumph!
Es fällt schwer zu akzeptieren. 
Nur festhalten ist noch härter.
Schmerzvoll die ersten Sekunden, Minuten, Tage, Wochen und Monate danach. 
All die Wunden, Gebrauchsspuren und Narben. 
Zeit und Geduld sind strenge Lehrer.
Hoffnung und Glaube - zwei Wegweiser.
Vorsichtiges Herantasten, wildes ausprobieren.
 Mutig sein, über eigene Grenzen gehen und aus der Komfortzone wagen.
Risiken eingehen, auch mal tief fallen.
Die Balance verlieren und wiederfinden.
Immer wieder neu entdecken. 
Demut und Dankbarkeit in Zeiten des Stillstandes üben. 
Und manchmal lachen, wenn es einfach nur zum Heulen ist. 
Schmerzen teilen und anvertrauen. 
Mitgefühl und Liebe erfahren. 
Nicht verschließen vor den Stimmen der Welt,
aber niemals das eigene Herzflüstern ignorieren. 




Sonntag, 1. Januar 2017

Ein Schaf aus der Provinz und das Jugendmagzin der ZEIT ONLINE

Austausch mit Krebsis ist gar nicht so einfach, wenn man fernab von Metropolen lebt. Ich bin ein Schaf aus der Provinz und kenne die Probleme des mangelnden Austauschs mit gleichaltrigen Betroffenen. Nicht nur, dass Chemotherapie und Bestrahlung einfach müde machen und man kaum Kraft hat zum Treppensteigen, man fühlt sich auch irgendwie abgeschottet, weil Autofahren oft nicht möglich ist, da man von den vielen Medis total zugedröhnt ist. Auch mit niedriger Leukozytenzahl in einen bazillenüberfluteten Zug zu steigen, ist so riskant wie ein One-Night-Stand ohne Kondom.

Es kommt irgendwann der Zeitpunkt, da will man mal wissen wie andere das so erleben mit den Giftcocktails und den vielen Nebenwirkungen. Zumindest ging es mir so, weshalb ich via Facebook auf andere Krebs-Blogger aufmerksam geworden bin. Luise von "Chemoelefant aka Klopsi gegen den Krebs" (siehe auch - Blogpost Ein trauriger Anfang) war mein erster virtueller Krebsikontakt. Seitdem hat sich mein Krebis-Netzwerk immer mehr erweitert. Auch Marie von Marie gegen Krebs ist jetzt ein wichtiger Kontakt für mich. Darüber hinaus die Leute, die ich während meiner Reha auf der Katharinenhöhe kennengelernt habe. Auch mein Blog gehört zu einer dieser Austauschmöglichkeiten.

Die ze.tt, das Jugendmagazin der ZEIT ONLINE interviewte Benni von "Canceling Cancer-Kein Weg zu weit" und mich zu diesem Thema. Lest selbst:


Quelle: Fanny Kniestedt/ http://ze.tt/krebs-mit-anfang-20-so-schreiben-junge-blogger-ueber-ihre-krankheit/

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Schlafschaf

Es geht wieder...määäh-ääähm es schläft wieder...das Schaf findet seinen Schlaf; ganz ohne Tabletten und Gedankenkreise. Nach zweieinhalb Jahren. Und was habe ich nicht alles probiert. Bügeln vor dem Einschlafen, Joggen in der Nacht, meine Lieblings-Sitcom schauen... Habe sämtliche Einschlaf-Tee-Sortimente bei DM durchprobiert und später auch bei Rossmann. Yoga, Qigong, Bier, Wein und Nudeln mit Tomatensoße. Habe Homöopathie-Zeugs aus der Apotheke getestet und Bücher gelesen...Ratgeber von denen ich nur noch ratloser wurde und mir sogar ein Nachtlicht besorgt. So ein Schlummerlicht für Kleinkinder. Ich dachte, was für Kinder gut ist, ist auch gut für mich-snoezelen bis zum Einduseln oder so. Jetzt decke ich mich zu und schlafe ein. Einfach so. Und frage mich, warum das nicht schon einfach eher hätte klappen können?! Sogar das mit dem Mittagsschlaf funzt. Ich bin ein wenig geschockt, dass das so einfach ist. Hinlegen und Knöppe zu.

Ich möchte allen Menschen mit Schlafstörungen da draußen Mut machen. Ich hatte meine Schlafmütze schon längst an den Haken gehängt. Weint so viele Tränen wie nötig, schreit, flucht und seid auch mal schwach. Das ist okay. Brüht euch euren Gute-Nacht-Tee auch weiterhin mit aller Konsequenz, auch wenn die juten Bergkräuter versagen. Aber mit jedem Teebeutel, den ihr ins Wasser taucht, habt ihr wenigstens noch eines, nämlich Hoffnung und ihr dürft hoffen, denn es wird besser. Irgendwann.

Euer Schlafschaf

Mein persönliches "Schlafschaf"als Mitbringsel vom Erfurter Weihnachtsmarkt.
 Eine Art Erinnerung für mich, dass ein gesunder Schlaf nicht selbstverständlich ist.

Sonntag, 27. November 2016

Glücksschäfchen

Wie fühlt es sich an gesund zu sein? Wie oft habe ich mir in den vergangenen Jahren diese Frage gestellt?! Jetzt gehe ich arbeiten, singe wieder in einem Chor, hab 'ne eigene Bude und 'n Haufen toller Freunde. Ich bin viel seltener beim Onkologen. Vor einem halben Jahr sah das noch anders aus. Den Psychologen brauche ich nur noch selten. Ich stehe morgens auf, ohne zuerst an den Krebs zu denken. Ich war schon 100 mal beim Friseur, weil ich schon so viele Monate keine Glatze mehr habe. Ich habe Geldsorgen und andere Probleme, die man so mit 24 Jahren hat und wie es sich für 'ne 24-Jährige gehört. Ich hatte sogar mal wieder 'nen ordentlichen Kater, weil ich mich nun endlich wieder traue mal zu tief ins Glas zu schauen. Ist das nicht der Hammer? Ich bin 24 und darf mich nun auch so fühlen.

Ich habe alles was ich brauche um glücklich zu sein und viel schöner noch-ich weiß jetzt auch wie das funktioniert mit dem Glücklichsein! Dafür hat sich das alles gelohnt- jede Träne, all die Schmerzen, die Angst und auch die Wut. Ohne Schwarz kein Weiß. Ohne Regen kein Sonnenschein. Das Leben ist so schön, wenn man dem Ganzen nur ne Chance gibt.

Mr.Hodgkin war ein Arsch, aber er war mein bester Lehrer. Ich kann nicht sagen, dass es leichter ist, aber ich bin geschickter darin mit den Schwierigkeiten umzugehen. Und wer kann das schon von sich sagen, mit 24 Jahren? :)

Samstag, 15. Oktober 2016

Hab ich eigentlich schon mal DANKE gesagt?

Ich gebe zu, die Geschichte von Mr. Hodgkin und mir hat soooooooo nen Bart. Ja, auch ich kann mich manchmal nicht mehr reden und denken hören. Das Problem ist, dass ich immer noch Krebsthemen habe, die ich mir einfach von der Seele reden MUSS. Mein Leben hat sich nachhaltig verändert. Jeder neue Meilenstein auf meinem Weg nach Mr.Hodgkin ist gleichzeitig eine neue Herausforderung, weil ich dann immer wieder mit der Veränderung konfrontiert werde und manchmal kann ich diese noch nicht akzeptieren. Das braucht dann Zeit und Gespräche, damit ich mich besser anpassen kann. 
Doch es gibt sie, diese Freunde, Verwandten und Bekannten, die mir unentwegt geduldig zuhören zu jeder Tages-und Nachtzeit. Die mich aufrichtig fragen wie es mir geht und mich akzeptieren ohne meine Masken. Die mit mir durch alle Berge und Täler wandern. Die mir die Daumen für jede medizinische Untersuchung drücken. Die mich zu sich einladen oder mich besuchen, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Die mir Schaf-Fotos schicken und Schafzeugs schenken, weil sie wissen, dass ein Schäfchen mich zum Schmunzeln bringt. Die mal ein bis 10 Bier mit mir zu viel trinken. Die mich lieben, obwohl ich manchmal eher zum Hassen bin. Die mir ehrlich sagen, wenn ich sie nerve oder sie zu kurz kommen. Die einfach da sind auf ihre ganz persönliche Art und Weise.

All jenen möchte ich sagen, dass das, was sie für mich tun, nicht selbstverständlich für mich ist. Dass IHR nicht selbstverständlich für mich seid ♥ Ja, ich möchte sogar dem lieben Gott danken, der sich so viel anhören muss und der mich jeden Tag aufs Neue dazu ermuntert weiterzumachen und dankbar zu sein. Dankbar für EUCH und jedes Gänseblümchen am Wegesrand. Am Wegesrand meines Lebens. 


Euer schwarzes Schäfchen ♥

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Drei Betten am Meer

Vor einer Woche packte mich die Sehnsucht nach Meer, weshalb ich ganz spontan meine Reha-Freundin Moni und ihre Familie in Schleswig-Holstein besuchte.
Ich verspürte das Bedürfnis nach einem kurzzeitigen Tapetenwechsel und vor allen Dingen nach Seeluft & nordischer Landschaft.

Ich suchte mir eine gemütliche Ferienwohnung in Backstein-Optik. Irgendwas mit viel Natur drumrum. Die bekam ich auch, inklusive zum Ferienhaus. Vor dem Fenster stand ein Birnenbaum. Die Früchte hingen malerisch an den kargen Ästen und der Herbstnebel schmiegte sich um die Krone des Baumes. Vereinzelt schienen ein paar Sonnenstrahlen durch das mittlerweile lichte Blattwerk. Welch tollen Kontrast ergaben die grazilen Strukturen des Birnenbaumes zum rustikalen Backstein!

Mein Urlaubsquartier besaß drei Schlafzimmer. Das war eigentlich nicht geplant, aber ich las mir die Beschreibung des Objekts im Voraus nur flüchtig durch. Es gab zumindest ordentlich Rabatt, weil ich allein anreiste. Ein wirklich tolles Preis-Betten-Verhältnis. Ich überlegte wie ich den Wohnraum in drei Tagen wohl am effektivsten nutzen konnte, weshalb ich mir vornahm jede Nacht ein anderes Bett zu testen. Es lief drauf hinaus, dass ich letztendlich doch immer auf der Couch vor dem Fernseher einschlief mit Kopfkissen und Zudecke aus Schlafzimmer 1. Das Sofa war einfach saumäßig bequem. Bequemer als alle drei Betten zusammen. Dicke Polster in knalligem Ampelrot. Hatte zwar was von Pornocouch-Optik, aber eben bequem.

Ich erwähnte ja bereits, dass ich in den Norden fuhr um meine Freundin Moni zu besuchen. Nun, ich bat Moni vor meiner Anreise um einen Gefallen.  Ich wollte unbedingt ein Schaf  streicheln und fragte sie nach einem Bauern mit wolligen Vierbeinern. Moni und ihre Frau Svenni nahmen meinen Wunsch sehr ernst. Sie setzen alles daran um mir diesen zu erfüllen. Svenni fragte Bauer Nomme: "Kennst du einen Bauern in Salem, der Schafe besitzt? Unser Besuch möchte gern ein Schaf streicheln". Nomme, völlig von den Socken, antwortete mit einem roten Fragezeichen-WhatsApp-Emoji und musste das wohl erstmal sacken lassen. Doch Svenni gab nicht nach und hakte nochmal nach, wild entschlossen mit der Mission: "Wir brauchen ein Schaf für Jule". Mit Erfolg!! Nomme nannte ihr ein, zwei Kontakte von Schafsbauern, sowie den genauen Sitz deren Herde. Svenni verband ihre morgendliche Walking-Runde mit einem Zwischenstopp an der besagten Schafskoppel und machte die flauschigen Vierbeiner ausfindig. Ich bin noch immer völlig verzückt vom Engagement meiner Freundinnen.


Am Nachmittag konnte ich dann gleich eine ganze Herde Heidschnucken sehen und einige Exemplare streicheln. Oh (m)hääääähhppy day ♥




Samstag, 8. Oktober 2016

Die Sache mit dem Mittelweg

Es ist Dienstag. 7.05 Uhr. Gestern noch Tag der Deutschen Einheit. Ich steige in den Aufzug, drücke den Knopf. Station 4. Die wuchtigen Türen des Fahrstuhls schließen sich. Ich schaue in den Spiegel und sehe mein blasses Gesicht, das im Neonlicht noch bleicher wirkt als es ohnehin schon ist. Mein Herz rast schneller als der Aufzug über die Etagen des Krankenhauses. Mein Hals schnürt sich zusammen und auf meiner Brust sitzt ein Betonklotz, der meine Atmung blockiert. Tränen steigen mir in die Augen. Warum muss ich jetzt heulen? Muss doch jetzt nur meiner Arbeit nachgehen, sonst nichts. Doch Gefühle überwältigen mich. Gefühle, die hier nicht hingehören, die sich aber trotzdem in den Mittelpunkt rücken. "Station 4, Ebene 4. Waldkrankenhaus", spricht eine eher monotone emotionslose Roboterfrauenstimme, die mich verbal aus dem Aufzug prügelt, während sich die Stahltüren auseinander schieben. Ich schließe für einen kurzen Moment meine Augen und atme durch die Betonmauer auf meiner Brust hindurch. Dann bündle ich meine Kraft und setzte langsam einen Schritt vor den anderen. Auf dem Weg ins Schwesternzimmer lasse ich mit jedem zurückgelegtem Meter auch ein klein wenig von meiner Angst zurück und versuche immer mehr im Hier und Jetzt anzukommen. Mit OP-Plänen und Klemmbrett unter dem Arm verschwinde ich im Patientenzimmer und werde schon erwartungsvoll empfangen. Meine Patienten freuen sich auf mich. Darauf richte ich meinen Fokus, weshalb es mir recht schnell gelingt, mich wieder in meine Arbeit zu vertiefen.

Ein Stück Normalität und gleichzeitig Sicherheit für mich dieser Arbeitsalltag. Es ist ein Kampf, weil diese Klinikatmosphäre mich aufwühlt und ich am liebsten wegrennen will. Mein Herz schlägt ganz unkontrolliert, weshalb Betablocker im Moment in meiner Handtasche nicht fehlen dürfen. Habe doch die letzten Jahre genug in Arztpraxen und Krankenhäusern verbracht und begebe mich nun freiwillig jeden Tag dorthin. Gleichzeitig sehe ich darin eine Chance, weil ich mich meiner Angst jeden Tag aufs Neue stellen kann und die Erfahrung mache, dass ich jetzt in Sicherheit bin. Alle Schreckensbilder und Gefühle habe ich in einem Tresor verschlossen. Wahrscheinlich ganz unbewusst, denn ich kann mich nicht an den Code erinnern, mit dem ich diese gesichert habe. Auf jeden Fall muss ihn jemand geknackt haben, denn alles was ich fühle ist so real und bedrohlich wie damals. Doch die Frage ist nicht wie ich diesen Tresor wieder verschließe, sondern wie ich damit umgehe, dass alle in ihm verschlossenen Erinnerungen langsam ans Tageslicht treten. Manchmal möchte ich fliehen und mich verkriechen, aber ich gebe dem nicht nach. Ich habe beschlossen zu kämpfen und deshalb mache ich einfach weiter. Jeden Tag. Auch, wenn das mit Beton auf der Brust nicht so einfach ist. Doch ich sehe die kleinen Erfolge. Ich war nicht einmal krank seitdem ich meine neue Arbeit angetreten habe und immerhin habe ich schon über einen Monat durchgehalten.
Das Leben mit Krebs ist schwer, aber das Leben danach ist nicht wirklich leichter. Weil alle erwarten, dass man wieder normal wird und vor allen Dingen, weil ich das auch von mir selbst irgendwie erwarte. Es ist nicht immer leicht den Mittelweg zu nehmen. Ich meine nach vorn zu schauen und sich trotzdem die Zeit zu geben, um das Erlebte zu verarbeiten. Das Vergangene ist ein Teil von mir, aber es sollte nicht mein Leben bestimmen. Deshalb bleib ich morgens nicht im Bett liegen, sondern stehe auf, gehe auf Arbeit und nehme ab jetzt eben die Treppe anstelle des Aufzugs.

Sonntag, 25. September 2016

Visionen vom Dasein als flauschiges Schäflein

Mein Leben ist wirklich toll. Seit einem Monat wohne ich wieder in meiner neuen alten Heimat. Noch dazu bin ich frisch gebackene Besitzerin meiner ersten eigenen Wohnung, einer Zweiraum-Dachgeschosswohnung mit Einbauküche und Balkon. Fast schon ein bisschen spießig das alles. Aber im Alter steigen nun mal die Ansprüche. Ich hause in idyllischer Lage am hiesigen Stadtpark. Meine Wohnung ist überaus ruhig gelegen. Man könnte fast sagen, an diesem Fleckchen Erde kann Schaf alt und grau werden.

Wenn ihr denkt, ich hab nicht mehr zu bieten, dann wartet mal ab bis ich euch sage, dass ich seit September auch noch eine neue Stelle als Ergotherapeutin angetreten habe. Ich arbeite für 30 Stunden in einem Krankenhaus und versorge dort frisch operierte Patienten mit rheumatischen und orthopädischen Erkrankungen. Zusammenfassend könnte man sagen, ich habe mit 'ner Menge Rücken, fetten Schwellungen, triefenden Narben und 'n Haufen Verbandsmaterial zu tun. Wenn ich nicht im Krankenhaus mein Unwesen treibe, betreue ich im anliegenden Rehabilitationsbereich, Patienten mit neurologischen Erkrankungen. Ich helfe ihnen mit kleinen Tricks im Alltag wieder eigenständig zurecht zu kommen. Das ist hauptsächlich anstrengend und man muss eine Menge Geduld aufbringen, aber ich mache es wirklich gern. Ich glaube ich bin auch ziemlich gut darin.

Man könnte fast sagen, ich habe bilderbuchmäßig mein Happyend bekommen. Jetzt nach beinahe drei Jahren gänzlicher Hodgkinfreiheit. Doch da man erst von "Happyend"sprechen kann, wenn tatsächlich etwas beendet ist, ist die Wortwahl "Happyend" dann doch nicht so trefflich. Das Ende ist der Tod. Zumindest in diesem Leben. Und wo man lebt, da gibt es Veränderung und jede neue Veränderung bringt neue Herausforderungen mit sich. Die eine mehr als die andere. Bei mir scheinbar immer grundsätzlich mehr.

Für mich ist es ein großer Schritt wieder am Arbeitsleben teilzuhaben. Lange Zeit glaubte ich nicht widerstandsfähig genug zu sein um in der rauen Arbeitswelt mitmischen zu können. Mein Selbstvertrauen war nur noch erbsengroß. Es ist durch die Therapien geschrumpft wie die Tumore in meinem Körper. Ich glaubte nicht mehr an mich. Wie sollte es da möglich sein noch an Karriere zu denken? Doch eine Reha, jede Menge Psychotherapie, Gespräche bei Kaffee und Bier mit Freunden, gaben mir meinen Glauben an mich selbst zurück. Besonders Erstes und Letzteres halfen mir wieder auf die Beine. Ich bin viele Umwege gegangen und habe viel ausprobiert, zuletzt das Abenteuer Auswanderung in den Westen. Ich hatte mehrere Findungskrisen, doch gefunden habe ich mich noch längst nicht. Ich mache da bloß keine Krise mehr draus und ich habe auch echt keen Bock mehr nach mir zu suchen. Im Versteckspielen war ich eigentlich auch noch nie wirklich der Bringer. Was nicht heißen soll, dass ich keine guten Verstecke fand, sondern vielmehr, dass ich  mich stets mehr bemühen musste als meine Räuberkumpels, die Versteckten zu finden. Ich bin also von Natur aus kein Talent im Finden.

Auf jeden Fall habe ich eine turbulente Zeit hinter mir und ich wünsche mir nichts sehnlicher als allmählich langsam einmal zur Ruhe zu kommen. Umzugskartons und Vorstellungsgespräche, Arztbesuche und Therapiesitzungen, all das macht ziemlich müde. Neue Herausforderungen sind im Moment für mich gestrichen. Ich will ankommen, wenigstens für eine kurze Zeit. Wenigstens eine Verschnaufpause einlegen und nicht immer stark sein müssen. Ich dachte, dies wäre jetzt die perfekte Gelegenheit dafür, nachdem ich mich in Arbeit und Wohnung eingelebt habe. Doch es kommt immer anders und eigentlich hätte ich es wissen sollen. Aber wie immer, war ich auch diesmal drauf nicht vorbereitet.

Es begann vor etwa zwei Wochen. Mein Wecker klingelte 5 Uhr. Ich lag im Bett und wollte aufstehen. Doch es funktionierte nicht. Da ging etwas seltsames in mir vor. In meinem Kopf liefen Bilder in einer Schnelligkeit auf und ab, sodass meine Gefühle keine Chance hatten dieser Geschwindigkeit nachzukommen. Ich lag versteinert auf meiner Matratze, krallte mich mit einer Hand am Laken fest und weinte. Ich fühlte mich nicht sicher, wollte mich am liebsten in meinem Federbett verstecken. Wie früher als Kind vor den Monstern unter meinem Bett. Ich dachte an Infusionsständer, Venenzugänge und das Brennen im Arm. Ich fühlte Ohnmacht und Todesangst. Plötzlich hörte ich wieder das Piepen der Maschinen. Der penetrante Geruch des Desinfektionsmittels lag in meiner Nase. Alles wirkte so real. Als wäre ich in die Vergangenheit gereist. Ich leide schon seit über zwei Jahren an schlimmen Albträumen und ich nehme jede Nacht ein Medikament, ohne das ich längst nicht mehr einschlafen kann, aber das hier ist neu. Und ich habe Angst. Dieses Szenario wiederholt sich beinahe täglich und es dringt auch tagsüber in kleinen Dosen zu mir durch. Da reicht eine Erinnerung an die Krankenhaushölle. Das Geräusch beim Pumpen am Desinfektionshalter, die rosa Flexüle am Arm meines Patienten, das Geklapper der Wagen auf den Stationen oder eine Kochsalzlösung am Infusionsständer. Ich kann die Bilder verdrängen, aber je doller ich dagegen ankämpfe, desto präsenter werden sie. Es baut sich eine gewaltige Anspannung in mir auf. Ich denke daran mit dem Rauchen anzufangen. Ich habe zeitweise das Bedürfnis von einem Lastwagen überrollt zu werden, denn das scheint mir angemessen, um das was in mir vorgeht, verhältnismäßig einzudämmen. Doch da Gewalt wie immer keine Lösung ist, sollte ich darüber nachdenken wie ich mit der ganzen Einhornkotze in meinem Gehirn am besten umgehe. Denn nicht mal Yoga hilft da gerade noch.

Manchmal frage ich  mich ob es tatsächlich nur sieben Brücken sind über die wir in unserem Leben gehen müssen. Das ist bestimmt nur ein Durchschnittswert, den ich mit Sicherheit schon längst überschritten habe. In meinem Badezimmer hängt eine Postkarte auf der steht: "Ich brauche keinen Sex. Das Leben fickt mich jeden Tag.". Das beschreibt wohl meinen derzeitigen Gemütszustand recht gut. In einer Sache bin ich mir jedoch sehr sicher. Wir bekommen nie mehr aufgebürdet als wir letztendlich schaffen können und wenn es erforderlich ist, dann bums ich das Leben eben mal kräftig zurück. Denn aufgeben is nicht. Mäh! Das ist mein Leben und ich lass mich nicht vergewaltigen. Vielleicht wird dieses Starksein auch irgendwann zur Gewohnheit. Herkules hat's schließlich auch gewuppt. Vielleicht wird es nicht leichter, aber ich werde stärker. So eine richtige Kampfsau mit 1 Meter 57.

Diese Woche habe ich meine Krebsnachsorge. Mittels Ultraschall und Röntgen wird geschaut ob die die Krebszellen noch brav Winterschlaf halten. Das sollten sie in jedem Fall. So viele Schlaftabletten wie ich konsumiere, dürften die für den Rest meines Lebens friedlich schlummern. Trotzdem darf jeder der will ganz unverfänglich gerne die Daumen drücken. Die Kampfsau will nämlich manchmal einfach nur ein flauschiges Schäflein sein.


Samstag, 17. September 2016

Blacksheep92, undercover:

Tarnung mittels Dienstkleidung. Ein schwarzes Schaf allein unter weißen Schafen zu lassen, birgt immer gewisse Risiken. Egal in welchem Kontext. (Ihr könnt mir das Reden verbieten, aber niemals das Schreiben.)

Sie zünden sich die 1245. Kippe an um durch den Tag zu kommen. Das geht am Besten auf der Bank hinter dem Klinikgebäude, im Halbschatten. Qualmen mit Diskretion. Ihre Arbeitsmoral verlischt mit jedem neuen Zug an ihrer Zigarette. Viel schlimmer ist, sie vergessen, dass es Menschen sind über die sie so abfällig reden, während sie noch eine zünden. „Die Fette hat heute wieder genervt“. Ich schließe die Augen,  hoffe, dass ich nur träume. Ein Albtraum hoffentlich und keine Realität. Asche krümelt auf mein hellblaues Shirt und auch der Zigarettenqualm ist ein Indiz dafür, dass ich nicht in einem Traum festhänge. Ihre holen Blicke und ihre großen Mäuler sind nur schwer zu ertragen. Ich fühle mich irgendwie vergewaltigt. Würde sie am liebsten anzeigen. Doch was sage ich der Polizei?

Vielleicht, dass ich glaube den falschen Beruf erlernt zu haben. Dass ich lieber in den Knast gehen würde als meine Zeit mit so genanntem Fachpersonal zu verschwenden. Ich bereue mein Abitur aus Faulheit umgangen zu haben. Ich hätte studieren können um das Arbeiten noch eine Weile hinauszuzögern. Ich würde ihr gestehen, dass ich in keine Schublade dieser Gesellschaft passe, dass ein einfacher Arbeitsvertrag nicht genug Klauseln enthält um sich gegen mich abzusichern, dass ich zu viele Talente habe um sie in nur einer einzigen Arbeit zu verwirklichen. Dass es mir nicht um Anerkennung geht, sondern um Selbstverwirklichung. Dass ich lieber glücklich bin als finanziell abgesichert.


Eine Hand berührt mich an meiner Schulter. „Wir müssen“. Ich klopfe die Aschekrümel von meinem Shirt und begebe mich zurück auf die Station. 

Freitag, 29. Juli 2016

Platz lassen für Wunder

WARUM ICH? Ich würde mit Sicherheit im Selbstmitleidssumpf versinken, würde ich nach dem Grund suchen, weshalb es ausgerechnet mich getroffen hat und nicht den Kettenraucher von nebenan. Sollte man dieser Frage grundsätzlich aus dem Weg gehen, weil sie ohnehin zu nichts führt? Rational gesehen wahrscheinlich schon. Doch ausgerechnet heute konfrontiere ich mich mit diesen fünf niederschmetternden Buchstaben: WARUM...

Ich parke mein grünes Auto auf dem kostenpflichtigen Parkplatz vor dem Medizinischen Versorgungszentrum in Delitzsch (MVZ) und löse wie immer keinen Parkschein (Das ist meine Rebellion gegen die viel zu hohen Gebühren). Die Tür am Eingang öffnet sich immer etwas verzögert, dafür automatisch beim Berühren des Türknaufs. Ich trete ein und verschaffe mir einen kurzen Überblick in der Eingangshalle. Vielleicht ist ein bekanntes Gesicht dabei? Links von mir befindet sich der Fahrstuhl, davor steht eine kleine Menschenschlange. Ich winde mich vorbei und gehe die Treppe hinauf. Der Bodenbelag ist immer etwas glatt, deshalb passe ich heute besonders auf, denn ich trage Sandalen ohne Profil, einen soliden Frauenschuh von der Marke "Tamaris" oder so...
Meist kommt mir jemand im humpelnden Gang oder mit einer Schiene irgendwo befestigt,entgegen, Patienten aus der Chirurgie, erste Etage. Ab und zu tappst auch ein Kind die Stufen hinab...immer ein Bein versetzt, Stufe für Stufe mit der Mama im Hintergrund, aus der Kinderarztpraxis kommend.

 Ich nehme jedes Detail im Treppenaufgang wahr, jedes Geräusch und jede Veränderung. Auch nach zwei Jahren Krebsfreiheit habe ich noch immer ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, wenn ich die Treppe zur Onkologie hinauf gehe.  Bei meinem ersten Arztbesuch im MVZ, gerade den ersten Chemozyklus hinter mir, war ich noch auf den Fahrstuhl angewiesen. Und selbst Fahrstuhl fahren war damals schon ein Akt für mich. Jetzt funktioniert es wieder. Jeder Schritt ist federleicht. Keine Atemnot, kein Schwindel, keiner vom Gegenverkehr, der mich mitleidig anglotzt, weil meine Kopfbedeckung verrät zu welcher medizinischen Abteilung ich gehöre.

Zweite Etage, Onkologie. Ich lehne mich gegen die schwere Eingangstür. Eine Schwester kommt mir entgegen und schenkt mir ein freundliches Lächeln. Es sind sehr vertraute Gesichter in die ich schaue, wenn ich zum großen Tresen an die Anmeldung gehe. Für mich ist der Gang längst nicht mehr schlimm- im Gegenteil, für mich ist es ein angenehmes Gefühl meine Lebensretter dort anzutreffen.

"Huhu",höre ich ein freundliches Stimmchen rufen. Ich drehe mich um und sehe meine Krankenschwester Ina, die ich sofort umarmen möchte, deren Arme jedoch gerade voll beladen sind. Sie dreht geschwind um in einen Nebenraum um die Sachen in ihrer Hand kurz mal abzustellen. Dann kommt sie zurück und nimmt sich Zeit für eine herzliche Umarmung. Gegenüber vom Anmeldebereich ist der Eingang zum Wartezimmer. Dort stehe ich zwischen Tür und Angel, während ich drei Worte mit meiner Ina wechsle. Ein freundliches "Hallo" folgt von allen Seiten. Ich muss dazu sagen, Wartebereiche in der Onkologie sind alle etwas anders im Vergleich zu den üblichen Zimmern, in denen man sonst lange Wartezeiten verbringt. Die Patienten sind in der Regel sehr offen. Hier und da kommt man miteinander ins Gespräch. Es wird nur selten gejammert. Die Meisten sind optimistisch gestimmt, erfreuen sich an den positiven Dingen des Alltags und bauen einander auf. Zudem sind sie, zumindest in den meisten Fällen, längst geübt im Aushalten langer Wartezeiten. Einige Gesichter sind mir noch vertraut, fällt mir auf, während ich meinen Blick kurz von Ina abwende.

Ich erkenne ein bekanntes Gesicht-eine Frau, die einmal neben mir in der Chemo-Suite saß. Es besteht jedes Mal gleich eine Verbindung zwischen uns, wenn wir uns sehen. Gemeinsam Cocktails trinken, schweißt eben doch zusammen, auch wenn es sich in diesem Fall um schwermetallhaltige Cocktails handelte. Auf die Frage wie es ihr geht, antwortet sie: "Nicht so gut. Sie haben wieder was gefunden. Eigentlich hatte ich nur Bauchschmerzen.". Für einen Moment schauen wir uns einfach bloß an und sagen uns damit mehr als Worte es jemals zum Ausdruck bringen könnten. Und genau in diesem Moment stelle ich mir die Frage- WARUM ICH? Allerdings frage ich mich nicht- Warum ich Krebs-du kein Krebs....sondern ich frage mich- Warum bin ich jetzt gesund? Warum hatte ich Glück und andere nicht? Wieso, weshalb, warum diese liebe Frau? Wieso bekommen manche immer wieder Krebs und andere nur einmal? Warum darf ich leben und andere streben an dem Scheiß? Und gleichzeitig erkenne ich, dass es einfach unglaublich schnell gehen kann. Eben mal hat einer Bauchschmerzen und da ist es- das Rezidiv.

Einmal Krebs haben lässt sich ja vielleicht gerade noch so verkraften, aber zwei mal oder gar mehrfach ist definitiv zu viel verlangt. Wenn das ein Teil von Gottes großem Plan sein soll, dann möchte ich hiermit offiziell Beschwerde einreichen beim großen Chef persönlich.
Es ist schlimm einen Tumor zu haben, aber mindestens genauso schlimm empfinde ich es mit anzusehen wie Mitstreiter erneut erkranken oder sich im Kampf gegen den Krebs geschlagen geben müssen.

So viele Gedanken überhäufen mich in den Räumen der Onkologie. An diesem Ort schaue ich zurück und gleichzeitig nach vorn. Ich fühle den Schmerz der Vergangenheit, aber auch die Freude auf die Zukunft und die Wunder zwischendurch. Bei all der Fragerei nach dem Sinn und der Gerechtigkeit, wird mein Herz auch jedes Mal mit großer Dankbarkeit durchflutet, weil ich mir immer wieder Zeit nehme um auf die vielen kleinen Wunder zu schauen, die ganz nebenbei passieren... Angefangen bei den Krankenschwestern, die mich anlächeln, sich sogar Zeit nehmen für eine Umarmung, die Patienten im Warteraum, die trotz ihrer quälenden Therapien anderen versuchen Mut zu machen, die enge Verbindung zwischen zwei Leidensgenossen am Infusionsständer und das erleichternde Gesicht eines Patienten, wenn er aus der Sprechstunde kommt und seine Befunde unauffällig waren. All das passiert dazwischen. Es findet kaum Beachtung, aber es sind die Dinge, die die ganze Situation erträglich werden lassen. Vielleicht kann Mister Gott nicht immer alles von uns fernhalten, aber er gibt uns immerhin die Chance die kleinen Wunder zu erleben. Ob mit oder ohne Krebs- dafür sollten wir immer noch ein bisschen Platz lassen in unserem Leben.